Debatte, 08. April 2015

"Zug auf neuem Gleis"

Vielen Experten gilt als wahrscheinlich, dass das Pariser Abkommen nicht sofort ausreichen wird, um die Welt auf den Zwei-Grad-Pfad zu bringen. Das ist aber auch nicht entscheidend. Wichtig ist, dass Paris die richtigen Impulse für den langfristigen Wandel setzt.

Von John Upton

Der Klimavertrag, der Ende des Jahres in Paris beschlossen werden soll, wird möglicherweise nicht ausreichen, um die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Diese Warnung wird inzwischen sogar von offizieller Stelle laut. Zuletzt äußerten sich in diesem Sinne EU-Klimakomissar Miguel Arias Cañete und die Chefin des UN-Klimasekretariats Christiana Figueres. Verschiedene Medien kritisierten diese Äußerungen sogleich. So warf die britische Zeitung The Guardian Arias Cañete vor, die Erwartungen an Paris herunterzuschrauben. Und das US-amerikanische Umweltmagazin Grist fragte, ob die UN-Klimaverhandlungen unter diesen Umständen noch irgendeinen Sinn machten.

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Den Zug der Klimadiplomatie auf ein neues Gleis setzen: Von Paris versprechen sich Klimaexperten eine langfristige Veränderung der Dynamik der Klimadiplomatie. (Foto:
Christoph Barnbrock/Pixabay)

Die Bestürzung angesichts der Äußerungen von politischer Seite ist verständlich. Als sich die Verhandler 2009 beim Klimagipfel in Kopenhagen darauf einigten, "die Emissionen so weit zu reduzieren, dass die Erderwärmung unter zwei Grad Celsius bleibt", geschah dies, weil sie eine um mehr als diese zwei Grad erwärmte Erde als inakzeptabel gefährlich ansahen. (Seit 1880 hat sich die Erdoberfläche um 0,85 Grad Celsius erwärmt, was bereits zu einer Verstärkung von Fluten, Stürmen und tödlichen Hitzewellen geführt hat.) Seit Kopenhagen ist die Einhaltung des Zwei-Grad-Limits deshalb das entscheidende Ziel der Klimaverhandlungen.

Paris ist eine Chance für einen neuen Ansatz beim globalen Klimaschutz

Die Experten, die tief in den Klimaverhandlungen stecken, haben die Warnungen von politischer Seite jedoch nicht überrascht, noch gaben sie ihnen Anlass, sich nun stärker um die Zukunft des Planeten zu sorgen. Der Grund hierfür ist, dass sie Paris als eine Chance begreifen, einen völlig neuen Ansatz für den globalen Klimaschutz auf den Weg zu bringen – einen Ansatz, der letztlich viel mehr zur Begrenzung des Temperaturanstiegs beitragen könnte als das Pariser Abkommen allein.

"Mehr und mehr Teilnehmer des klimadiplomatischen Prozesses erkennen, dass das Zwei-Grad-Ziel vielleicht etwas ist, was sich mit Paris nicht wird erreichen lassen", sagt etwa Alex Hanafi, Klimaexperte bei der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation Environmental Defense Fund. "Die Idee ist, dass uns das Pariser Abkommen nicht auf einen Emissionspfad zum Zwei-Grad-Ziel führen wird, sondern auf einen institutionellen Pfad, der es möglich macht zu versuchen, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen."

Was gerade geschieht, ist, dass der Zug der Klimadiplomatie von seinem alten Gleis geholt wird. Dieses Gleis, so sind viele überzeugt, würde die Welt in eine dunkle Zukunft mit einem ungebremsten Klimawandel führen. Den Zug jedoch auf ein neues Gleis zu setzen, wird eine Weile dauern. "Anzunehmen, dass das Pariser Abkommen allein und aus sich selbst heraus das Klimaproblem auf wundersame Weise im Handumdrehen lösen wird, bedeutet die Komplexität des Prozesses misszuverstehen beziehungsweise fehlzudeuten", erläutert Christiana Figueres ihre Erwartungen an den Verhandlungsprozess. "Was Paris leistet, ist, den Kurs für das langfristige Ziel festzulegen."

Mittlerweile hat die Welt zwei Jahrzehnte mit dem Versuch – und dem Scheitern desselben – zugebracht, die Industrieländer mit internationalem Recht zu zwingen, ihre Emissionen um bestimmte Prozentsätze und innerhalb festgelegter Zeiträume zu reduzieren. Das Pariser Abkommen schlägt einen neuen Pfad ein: einen Pfad, der nur noch wenig mit dem Kyoto-Protokoll von 1997 gemein hat, das die Industrieländer zwingen wollte, einheitliche Ziele Klimaziele zu erreichen. (Die USA sind dem Protokoll nie beigetreten; die EU hat die Ziele vor allem wegen des Niedergangs der Wirtschaft in den ehemaligen Ostblockstaaten erreicht; Kanada ist aus dem Protokoll ausgetreten, als klar wurde, dass es die Ziele nie erreichen würde.)

Das nächste Abkommen wird dagegen auf anderen Prinzipien beruhen: auf dem Druck der Öffentlichkeit, nationaler Verantwortung und globaler Kooperation, die darauf setzt, die Klimaemissionen der Staaten mit freiwilligen Beiträgen zu reduzieren, egal ob die Staaten entwickelt, extrem arm oder irgendetwas dazwischen sind.

"Es sind die langfristigen Veränderungen, die zählen"

Die Treibhausgasemissionen steigen inzwischen schneller als jemals zuvor in der Geschichte – trotz Verbesserungen in der westlichen Welt. Länder wie die USA, die durch die Verbrennung fossiler Ressourcen reich geworden sind und einen so großten Anteil der Emissionen zu verantworten haben, geraten zumehmend unter Druck, die Klimaanpassung ärmerer Länder zu finanzieren. 

Die Hoffnung ist, dass das Pariser Abkommen einen Prozess in Gang bringen wird, der mit der Zeit eine eigene Dynamik entfaltet. Je mehr Jahre und jährliche Klimagipfel vorbeiziehen, desto stärker werden die jetzt schon fallenden Preise für erneuerbare Energien weiter sinken. Gleichzeitig werden die gefährlichen Auswirkungen des Klimawandels immer deutlicher werden. Wenn es so abläuft, wie es sich zuletzt in den Klimaverhandlungen abgezeichnet hat, werden sich die Regierungen in den kommenden Verhandlungen auf weitere Einschränkungen für die Nutzung fossiler Energien einigen. Indem sie das tun, so die Idee, werden die Staaten gemeinsam verhindern, dass die Erderwärmung zwei Grad Celsius übersteigt. 

Nach Überzeugung des Umweltökonomen Robert Stavins, der das Harvard Project on Climate Agreements leitet, wird die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels mit jedem Jahr weniger wahrscheinlich. Wichtig für den letztendlichen Erfolg langfristiger Klimaschutzbemühungen sei jedoch, so Stavins, ein "solides Fundament" zu bauen. Und der Wissenschaftler geht davon aus, dass Paris das liefern kann. "Einige werden das Pariser Abkommen als Scheitern einstufen, wenn es nicht zu einer sofortigen Senkung der Emissionen und zur Einhaltung des Zwei-Grad-Limits führt", sagt Stavins. "Diese Stimmen meinen es gut. Aber es ist falsch, dass sie nur auf die kurzfristigen Veränderungen bei den Emissionen der Staaten schauen. Es ist der langfristige Trend der globalen Emissionen, der zählt."

Die Möglichkeiten von Paris

Die ersten Staaten haben ihre Ziele für Paris bekannt gegeben, die restlichen werden dies im Laufe des Jahres tun. Die grundlegenden Ziele der großen Emittenten waren aber auch davor schon bekannt. Die USA wollen ihren Treibhausgasausstoß bis 2025 um 26 bis 28 Prozent senken (gegenüber 2005). China hat angekündigt, dass seine Emissionen ab 2030 sinken werden. Und die EU hat beschlossen, ihre Emissionen bis 2030 um 40 Prozent zu senken (gegenüber 1990).

Ein Team aus 16 europäischen und nordamerikanischen Wissenschaftlern hat analysiert, welche Auswirkungen es auf das Weltklima hätte, wenn die USA, China und die EU diesen Verpflichtungen tatsächlich nachkommen würden. Außerdem haben sie auch den Effekt der Ziele analysiert, die andere Staaten in früheren Verhandlungsrunden benannt haben. Natürlich sind die Aussagen zu den Effekten mit Vorsicht zu genießen, wie der Wissenschaftler Massimo Tavoni von der Stanford-Universität sowie der Universität Politecnico di Milano unterstreicht: Die Analyse "basiere auf einiger Extrapolation" früherer Klimaziele. "Deshalb sind sie zu einem guten Stück unsicher."

Würde die Welt weitermachen wie bisher, würde sie sich Tavoni und seinen Kollegen zufolge bis zum Ende des Jahrhunderts um vier bis fünf Grad Celsius erwärmen. Wenn aber alle Staaten ihre Klimaversprechen einhielten, könnte das Pariser Abkommen die Erwärmung auf drei Grad Celsius begrenzen.

Andere Möglichkeiten

Auch Alden Meyer, Direktor der US-amerikanischen Wissenschaftlervereineinigung Union of Concerned Scientists, geht davon aus, dass das Pariser Abkommen die Welt nicht direkt auf einen Zwei-Grad-Pfad bringen wird. "Das ist völlig klar", so Meyer. Das bedeutet aber nicht, dass der Wissenschaftler die Hoffnung auf dieses Ziel aufgegeben hat. "Wir müssen aus den Paris-Verhandlungen mit der Erkenntnis herausgehen, dass das Abkommen die Möglichkeit für den Zwei-Grad-Pfad nicht verschlossen hat." Einer der Wege, auf dem das Abkommen zur Einhaltung des Ziels beitragen könne, bestehe darin, ein klares Signal in Richtung der Energiewirtschaft und der Investoren zu senden, dass die Staaten den Klimaschutz wirklich ernst nehmen. Das könnte das Signal für einen schnelleren umfassenden Wandel zu sauberen Energien sein, der Investitionen in Erneuerbare vorantreibt und die Dauer der Öl-, Gas- und Kohleförderung begrenzt.

Meyer: "Wenn wir in Paris eine Kombination bekommen aus Klimaverpflichtungen aller großer Player plus einen ambitionierten Prozess, der dafür sorgt, dass diese auch eingehalten werden, und die nächste Verhandlungsrunde nicht erst in zehn oder fünfzehn Jahren stattfindet, dann haben wir eine Chance. Ich gebe zu, dass das anspruchsvoll ist."

Übersetzung: Eva Mahnke

 

Der Autor

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John Upton hat in Australien Naturwissenschaften und Ökonomie studiert und schreibt als Journalist hauptsächlich für das US-amerikanische Klimaportal climatecentral.org, außerdem noch für die New York Times, den Pacific Standard und das Umweltmagazin Grist.

 

Sein Beitrag ist unter dem Titel "Paris Talks Won't Achieve 2°C Goal: Does That Matter?" zuerst auf climatecentral.org erschienen.