Debatte, 18. Mai 2015

"Das Zwei-Grad-Ziel funktioniert nicht"

Das Zwei-Grad-Ziel bei der Erderwärmung, der Kern der globalen Klimapolitik, ist nur noch zu erreichen, wenn in großem Maßstab "negative Emissionen" eingerechnet werden. Das ist aber nicht länger realistisch.

Interview mit Oliver Geden, Stiftung Wissenschaft und Politik

 
klimadiplomatie.de: Herr Geden, am heutigen Montag startet der Petersberger Klimadialog als Vorbereitung auf den UN-Klimagipfel in Paris. Was erwarten Sie von dem Treffen in Berlin?

Oliver Geden: Es ist gut, dass es das gibt, damit sich die entscheidenden Akteure, die Umweltminister, austauschen können. Trotzdem: Es hat noch keinen einzigen Petersberger Klimadialog mit einem konkreten Ergebnis gegeben. Deswegen kann man eigentlich nichts "Greifbares" erwarten.

Es ist das erste "Klimatreffen" nach Ihrem "Tabubruch". In der Fachzeitschrift Nature veröffentlichten Sie einen Kommentar, in dem Sie erklärten: Das Zwei-Grad-Ziel ist nicht mehr zu halten. Klimawissenschaftler würden helfen, diese Illusion aufrechtzuerhalten, weil sie Angst haben von der Politik ignoriert zu werden. Wie kam Ihre Generalkritik bei den Kollegen an?

Es war erwartbar, dass ich heftige Gegenreaktionen bekomme, aber es gab auch Unterstützung im Sinne von "endlich sagt es mal jemand". Selbst manche der ökonomischen Modellierer beginnen, ihre eigenen Berechnungen fragwürdig zu finden.

Aber sie müssen "das Spiel mitspielen", wie Sie es sagen, um nach wie vor Gelder zu bekommen. Ihr Institut, die SWP, ist von Bundesmitteln abhängig. Aber Sie können es sich trotzdem leisten, das Spiel nicht mitzuspielen?

Wir können uns das leisten, weil wir so gut wie keine Drittmittel in Anspruch nehmen. Da sind wir in einer komfortablen Situation. Außerdem sehen wir es in der SWP auch als unsere Aufgabe an, kritische Punkte zu artikulieren, die die Politik gegenwärtig nicht für relevant hält oder die auch mal eine produktive Irritation auslösen. Es kann ja Politikberatern nicht darum gehen, mit schönen Worten neu zu formulieren, was die Politik ohnehin schon denkt oder macht.

Ihre These ist: "Das Mantra der Klimaforschung – die Zeit wird knapp, aber das Zwei-Grad-Ziel bleibt dennoch möglich – ist wissenschaftlicher Nonsens."

Schon Anfang der 1990er Jahre , als ich noch für BUND- und Naturschutzjugend gearbeitet habe, hieß es: Es ist fünf vor zwölf, die Zeit läuft uns davon, aber wir können es noch schaffen, wenn wir jetzt schnell handeln. 20 Jahre später ist die Erzählung immer noch dieselbe. Nur sind in derselben Zeit die Emissionen um 40 Prozent gestiegen. Irgendetwas muss falsch sein: Entweder es war damals nicht fünf vor zwölf oder es ist heute fünf nach zwölf.

Ihre Erklärung?

Die Klimaökonomen flexibilisieren ihre Modelle mit dubiosen Berechnungen, damit die Politik trotz steigender Emissionen das Zwei-Grad-Ziel aufrechterhalten kann. Sie decken damit politisches Nichthandeln.

Der jüngste Weltklimabericht geht davon aus, dass das Zwei-Grad-Ziel noch erreichbar ist, wenn der Treibhausgas-Ausstoß kurz vor 2030 seinen Höhepunkt nimmt.

Das ist es eben: Der vierte IPCC-Bericht 2007 ging noch von einem globalen Peak spätestens im Jahr 2015 aus. Woher diese Verschiebung von mehr als zehn Jahren kommt? Früher konnte man es sich nicht vorstellen, dass die Emissionen um mehr als drei Prozent im Jahr sinken. Heute steht im IPCC-Report: Sechs Prozent sind ökonomisch und technologisch machbar. Begründet wird das mit dem Konzept der negativen Emissionen. Das geht davon aus, dass man in großem Umfang die Emissionen nicht nur auf Null senkt, sondern auch Technologien einsetzt, um CO2 der Atmosphäre zu entziehen – etwa durch den Anbau von Biomasse kombiniert mit CCS, das sogenannte BECCS.

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Schnell wachsende Biomasse nutzen, um der Atmosphäre Kohlendioxid zu entziehen, das dann in der Erde versenkt wird – der letzte Ausweg der Klimapolitik für das Zwei-Grad-Ziel. (Foto: Biogastour/flickr.com)

Um im Einklang mit dem Zwei-Grad-Ziel zu bleiben, bräuchte man 500 Millionen Hektar Landfläche, um Biomasse für die BECCS-Technologie anzubauen, sagen Sie.

Das ist der Stand der Forschung , auch wenn im IPCC-Report erstaunlicherweise keinerlei Zahlen zur Landnutzung für BECCS genannt werden. 500 Millionen Hektar – das wäre die anderthalbfache Fläche Indiens. Glauben wir ernsthaft, dass so viel Landfläche zusätzlich für Biomasse reserviert wird? Und sind wir bereit, eine Technologie wie CCS im großen Stil anzugehen?

Haben Sie keinen Glauben an den technischen Fortschritt? Was in den vergangenen zwei Jahrzehnten etwa bei der Solar- oder Windenergie passiert ist, hätte man sich vor 20 Jahren kaum vorstellen können.

Aber Entschuldigung! In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten sind die globalen Emissionen um 40 Prozent gestiegen. Ja, die Erneuerbaren wurden insgesamt deutlich ausgebaut, vor allem im Strombereich, aber zugleich ist auch der Energieverbrauch deutlich angestiegen. In den vergangenen 15 Jahren, das will die Community nicht wahrhaben, hat sich der Anteil der kohlenstoffarmen Technologien am globalen Energiemix kaum verändert, inklusive Wasserkraft und Atomenergie liegen sie bei nur 15 Prozent.

Die einzige interessante Metrik für die Klimapolitik sind die Emissionen – und die steigen weiterhin. Für das ganze Jahrhundert haben wir aber nicht einmal mehr 900 Gigatonnen CO2 zur Verfügung, wollen wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen. Das ist auf dem heutigen Emissions-Niveau in weniger als 30 Jahren weg. Dass wir dieses Budget noch einhalten, halte ich für komplett unrealistisch.

Gibt man das Zwei-Grad-Ziel auf, besteht dann nicht die Gefahr des Fatalismus?

Vielleicht. Aber das liegt ja nur daran, dass man seit 20 Jahren eine Entweder-oder-Situation kommuniziert: Entweder wir schaffen es, unter zwei Grad zu bleiben, oder wir laufen in die Katastrophe. Das ist der Grund, warum sich nur wenige trauen, das Offensichtliche anzusprechen: Dieses Emissionsbudget, das wir aus dem Zwei-Grad-Ziel abgeleitet haben, werden wir nicht einhalten können, oder nur, indem wir in großem Stil "negative Emissionen" einkalkulieren, deren technologische und politische Machbarkeit sehr fragwürdig ist.

Die Aufgabe von Wissenschaftlern ist es nicht, eine politische Erzählung aufrechtzuerhalten, indem sie in ihre Modelle eine Art Verschuldungsmechanismus gegenüber dem Emissionsbudget einbauen, sondern schlicht, die Fakten so zu präsentieren, wie sie nun einmal sind.

Einmal angenommen, das Zwei-Grad-Ziel ist nur noch eine Illusion – muss es nicht dennoch aufrechterhalten werden, um den Staaten der Welt mit der Drohkulisse im Falle des Überschreitens einen Anreiz zu bieten, Klimaschutz zu betreiben? Selbst wenn am Ende vielleicht drei Grad herauskommen?

Das Kommunikationsproblem gibt es. Aber das sollte nicht das Problem wissenschaftlicher Berater sein, sondern das der Klimapolitiker. Weil aber im Moment alle wissen, dass es dieses Kommunikationsproblem geben wird, bügeln die Forscher das in ihren Kalkulationen irgendwie aus. Ich höre seit vier Jahren: Sie mögen ja Recht haben, aber jetzt ist wirklich der falsche Zeitpunkt, um das laut zu sagen. Aber auch in diesen vier Jahren, seit dem Klimagipfel in Cancún, ist im Grunde nichts Wesentliches passiert.

Die Klimadiplomaten setzen auf Paris.

Das System, das wir nach Paris mutmaßlich bekommen, integriert zwar erstmals alle Länder – das ist ein Fortschritt. Aber alle nationalen Selbstverpflichtungen zusammen bringen uns nicht einmal in die Nähe der zwei Grad. Irgendwann wird die Forschung sagen müssen: Entschuldigung, liebe Politiker, aber was ihr da macht, reicht nicht. Als politisches Handlungsziel hat das Zwei-Grad-Ziel nicht funktioniert.

Was ist Ihre Alternative – auf ein Drei-Grad-Ziel einschwenken?

Ich halte es für eine Hybris, dass die Welt sich überhaupt vornimmt, ein bestimmtes Temperaturziel zu erreichen. Weil es viele natürliche Unsicherheitsfaktoren gibt, wie sich eine bestimmte Menge von Emissionen auf die Temperatur auswirkt, kann der Effekt schwächer oder stärker sein als bislang angenommen. Ein sinnvolles politisches Handlungsziel ist die Menge der Emissionen, mindestens aber die Grundrichtung. Wie erreichen wir schnellstmöglich den globalen Emissions-Peak und wann erreichen wir "Netto Null"? Das, finde ich, würde reichen.

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Wie eingemauert scheinen die CO2-Emissionen nahezu Jahr für Jahr global anzusteigen. (Foto: Albert Bridge/geograph)

Aber das bemisst sich ja gerade nach dem Temperatur-Ziel – dem Zwei-Grad-Ziel etwa.

Es bemisst sich erstmal nur nach der Logik: "Je weniger Emissionen, desto weniger Temperaturanstieg, desto besser." Man kann das theoretisch mit dem Zwei-Grad-Ziel verknüpfen, dann müssten die Emissionen vermutlich 2050 bei Null sein. Aber die Welt geht ja nicht unter, wenn wir erst 2060 dort sind. Ein Entweder-oder-Ziel funktioniert politisch nicht. Die Vertragsstaaten der Weltklimakonferenz haben das Ziel gern unterschrieben, lassen aber seit Jahren im Unklaren, wer nun für was genau verantwortlich ist. Das wird sich auch mit Paris nicht ändern.

Was ist Ihr Vorschlag?

Der Ausweg kann sein, dass man am Zwei-Grad-Ziel festhält, es als langfristiges "Umweltqualitätsziel" begreift, aber einen vorübergehenden overshoot erlaubt: Die Temperaturen gehen für einige Dekaden über das Ziel hinaus und stabilisieren sich erst später. Das wäre die gesichtswahrende Lösung für alle Seiten. Ich halte es für wahrscheinlich, dass es dazu kommt.

Ist das aber nicht genau solch ein Trick, die Illusion des Zwei-Grad-Ziels aufrechtzuerhalten, wie Sie es kritisieren?

Ja, aber ich halte es für den politisch wahrscheinlichsten Weg. Auch das von Nichtregierungsorganisationen und vielen Entwicklungsländern geforderte 1,5-Grad-Ziel ist nicht mehr anders zu erreichen. Mit dem Overshoot-Modell könnte man außerdem noch am ehesten den beschriebenen Kommunikations-GAU vermeiden. Eher wird es zu diesem Wechsel in der Argumentation kommen, als dass man eingesteht, dass das Zwei-Grad-Ziel ein falscher Politikansatz gewesen ist.

Interview: Benjamin von Brackel

Der Interviewpartner

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Der Klimapolitik-Experte Oliver Geden leitet die Forschungsgruppe Europa bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Gedens aktuelle Forschungsschwerpunkte sind die Umsetzung der EU-Energie- und Klimaziele für 2030, die EU-Energieunion, die europäische Dimension der deutschen Energiewende, die EU in den internationalen Klimaverhandlungen sowie die Qualität wissenschaftlicher Politikberatung und die strategische Politiksteuerung.

 

 

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