Debatte, 17. Juni 2015

"Klimaverhandlungen: Der Papst kann die Debatte verändern"

Papst Franziskus hat Wichtiges zu den Klimaverhandlungen zu sagen. In seiner Enzyklika rufen Religion und Wissenschaft gemeinsam zum Kampf gegen den Klimawandel auf.

Von Angela Anderson, Union of Concerned Scientists

Der jetzige Papst steht für viele Neuerungen: Er ist der erste lateinamerikanische Pontifex, der erste Jesuit, der diesen Posten bekleidet, wahrscheinlich der erste mit einem akademischen Abschluss in Chemie – und der erste, der die Katholiken weltweit lehrt, dass der Kampf gegen den Klimawandel etwas mit Nächstenliebe zu tun hat.

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Papst Franziskus hat schon einige Dinge getan, die für einen Papst eher unüblich sind. Nun mischt er sich auch in die Klimadebatte ein. (Foto: Aleteia Image Department/flickr.com)

Zum ersten Mal habe ich von der geplanten päpstlichen Enzyklika zum Klimawandel gehört, als ich mich – als Wissenschaftlerin und Christin - darauf vorbereitet habe, in einem Gottesdienst meiner Gemeinde anlässlich des "Earth Day" zum Klimawandel zu sprechen. Mir schwirrten Fragen um Glauben und Wissenschaft im Kopf umher ebenso wie Fragen um Klimawandel als ein moralisches Thema und Fragen der individuellen Verantwortung. Ich bereitete mich darauf vor, in meiner Rede den drohenden Meeresspiegelanstieg deutlich zu machen, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur und die Auswirkungen zunehmender Wetterextreme – ohne die Diskussion zu polarisieren, wie es oftmals geschieht.

Ich habe niemals eine Kluft zwischen meinem christlichen Glauben und meinen Überzeugungen als Wissenschaftlerin empfunden. Und genauso ergeht es auch Papst Franziskus, der nicht nur einen akademischen Abschluss in Chemie besitzt, sondern sich auch in Vorbereitung auf die Enzyklika mit Natur- und Sozialwissenschaftlern getroffen hat.

Nachhaltigkeit und Klimawandel sind nicht politische und wirtschaftliche Themen, sondern moralische

Der Enzyklika zufolge, so wie sie bislang bekannt ist, sind Nachhaltigkeit und Klimawandel nicht politische und wirtschaftliche Themen, sondern vor allem eine Angelegenheit der Moral. Die päpstliche Schrift stellt heraus, dass der Klimawandel Menschen zu Schaden kommen lässt – indem er den Hunger in der Welt anwachsen und das Trinkwasser rar werden lässt und durch den Meeresspiegelanstieg zur Überschwemmung ganzer Gemeinschaften führt. Die Enzyklika wirft damit einen theologischen Blick auf die stark politisierte Klimadebatte: Die Schrift bringt die Größe Gottes mit der Großartigkeit der Schöpfung in Verbindung, ruft zu deren Bewahrung auf und nennt die mangelnde Sorge um den Schutz der Erde ein Sakrileg, ein moralisches Vergehen. Außerdem sagt die Enzyklika, dass es falsch wäre, wenn die Bürden des Klimawandels vor allem von den Armen getragen werden, sondern dass sie von denen geschultert werden müssen, denen es gut geht.

Nach Auskunft von Kardinal Peter Turkson war sich Papst Franziskus der Dynamik der Debatte um den Klimawandel sehr bewusst, als er seine Enzyklika verfasst hat. Eine der wesentlichen Herausforderungen sieht Franziskus darin, wie er am besten mit der wissenschaftlichen Diskussion um den Klimawandel und dessen Ursachen umgehen sollte. Er weiß, dass die Enzyklika auf jeden Fall ihre Kritiker finden wird, wenn er sagt, dass es eine wissenschaftliche Tatsache sei, dass der Mensch den Klimawandel verursacht habe.

Verantwortung für alles Lebendige auf der Erde

Wie vorausgesehen haben sich die Widersacher bereits in Stellung gebracht, um den Einfluss der Enzyklika zu unterminieren. Bedauerlich hieran ist vor allem, dass einige Konservative, die eher aus Ideologie als aus ihrem Glauben heraus sprechen, die Worte des Papstes abtun, bevor sie sie überhaupt gelesen haben. Ihre Worte basieren allerdings nicht auf dem wissenschaftlichen Konsens, sondern stehen auf wackligem Grund.

Dass Wissenschaft und Glaube beim Thema Klimawandel zusammengehen, zeigt sich auch bei Wissenschaftlern. In einem Interview zu Klimaskeptizismus bei Christen hat die Klimawissenschaftlerin Katharine Hayhoe etwa nicht nur wissenschaftlich, sondern auch mit ihrem Glauben argumentiert. "Die Bibel sagt, dass uns Menschen die Verantwortung für alles Lebendige auf der Erde gegeben wurde", sagt Hayhoe. "Sie sagt uns, dass Entscheidungen Konsequenzen haben und dass wir andere so lieben soll, wie Jesus uns liebt. All das ist vereinbar mit der Bewahrung der Schöpfung, mit der Gott uns betraut hat. Und es ist vereinbar mit dem Gebot, dass wir uns um diejenigen kümmern müssen, die durch unsere Handlungen oder unsere Nachlässigkeit zu Schaden kommen."

Der Titel der Enzyklika "Laudato Si, über die Sorge für unser gemeinsames Zuhause" bezieht sich auf den "Sonnengesang", ein Gebet, das Franz von Assisi verfasst hat. Ich mag den Titel, denn er macht deutlich, dass die Sorge füreinander über unseren Auseinandersetzungen und Debatten steht. Er leitet sich daraus ab, dass die Schädigung unseres Planeten moralisch falsch ist, weil sie Menschen schadet. Wir sollten aufhören, der Umwelt Schaden zuzufügen und stattdessen unsere Energie nutzen, denjenigen zu helfen, die am meisten betroffen sind, aber oftmals die schlechtesten Möglichkeiten haben, damit zurechtzukommen.

Die Autorin

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Angela Anderson ist Direktorin des Klima- und Energieprogramms bei der US-amerikanischen Wissenschaftler-Organisation Union of Concerned Scientists. Die Politikwissenschaftlerin verfolgt seit Jahren die UN-Klimaverhandlungen. Vor ihrer jetzigen Tätigkeit hat Anderson als Programmdirektorin beim US Climate Action Network gearbeitet.