Debatte, 29. Juni 2015

"Die große Transformation finanzieren"

Investitionen für die nachhaltige Transformation der Weltwirtschaft sind ein Schlüsselfaktor auf dem Weg in eine klimaverträgliche Welt. Wir brauchen eine Politik, die solche Investitionen im großen Stil anstößt. Der Paris-Gipfel muss deshalb mehr liefern als einen kurzfristigen Business-Plan.

Von Christiana Figueres, UN-Klimasekretariat

Im Jahr des Paris-Gipfels stehen wir vor zwei wesentlichen Aufgaben: Zum einen müssen wir dafür sorgen, dass die 100 Milliarden US-Dollar zusammenkommen, die die internationale Gemeinschaft den Entwicklungsländern als Unterstützung zugesagt hat, damit diese ihre Ziele für eine klimafreundliche Entwicklung erreichen können. Die zweite Aufgabe besteht darin, durch eine Umgestaltung der internationalen Rahmenbedingungen so viele Investitionen in ökologische Bereiche zu lenken, dass sich die globale Wirtschaft nachhaltig wandelt. Viele schätzen die hierfür in den kommenden fünf bis zehn Jahren notwendigen Investitionen auf eine Billion Dollar jährlich.

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Für den nachhaltigen und klimaverträglichen Umbau der Weltwirtschaft sind Milliarden nötig. Ein Teil der weltweiten Finanzen fließt schon in die richtige Richtung. (Foto: Statkraft)

Zum Glück müssen wir hierfür nicht bei Null anfangen: Das beim UN-Klimasekretariat angesiedelte Standing Committee on Finance hat seine erste Abschätzung hierzu während der UN-Klimakonferenz im peruanischen Lima im vergangenen Jahr vorgestellt. Der Bericht schätzt, dass 2011 bis 2012 weltweit pro Jahr Investitionen in Höhe von mindestens 340 Milliarden Dollar in den Klimaschutz geflossen sind. Die obere Grenze der Schätzungen reicht sogar bis 650 Milliarden Dollar.

Klimafinanzierung: Der Trend zeigt in die richtige Richtung

Hiervon gingen ungefähr 35 bis 50 Milliarden vom globalen Norden in den Süden. Zwar sind weder die bisherige Unterstützung der Entwicklungsländer noch die Gesamtinvestitionen in die Klimafinanzierung ausreichend, um die notwendige Transformation der Wirtschaft zu bewirken. Aber der Trend zeigt in die richtige Richtung.

In den vergangenen Jahren sind die Investitionen in eine grünere Weltwirtschaft stetig gewachsen. Das wird nirgends deutlicher als bei den erneuerbaren Energien: Zahlen von Bloomberg Energy Finance, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und der Frankfurt School of Finance and Management zeigen, dass die Neuinvestitionen in die Erneuerbaren um 17 Prozent auf insgesamt 270 Milliarden Dollar gestiegen sind. Dieses Wachstum fand in einer Zeit niedriger Ölpreise statt und beweist, dass sich die Erneuerbaren aufgrund gesunkener Kosten behaupten können. Vielleicht sind die Investoren inzwischen überzeugt, dass Kohle, Öl, Gas und andere kohlenstoffintensive Investitionen unsicherer sind als Investitionen in Sonne, Wind und andere Erneuerbare.

Auch die geografische Verteilung der Investitionen ist ein Grund zum Feiern: 2014 haben sich die Erneuerbaren in den Entwicklungsländern neue Märkte erobert; hier sind die Investitionen um 36 Prozent auf 131 Milliarden Dollar gestiegen. Unter den Top Ten finden sich China (83 Milliarden Dollar), Brasilien (7,6 Milliarden), Indien (7,4 Milliarden) und Südafrika (5,5 Milliarden). Jeweils mehr als eine Milliarde Dollar wurden in Indonesien, Chile, Mexiko, Kenia und in der Türkei investiert. Auch in anderen Bereichen grüner Infrastruktur sind die Investitionen gewachsen, von der Energieeffizienz über nachhaltigen Verkehr bis hin zu den für die Transformationen benötigten Informations- und Kommunikationstechnologien, wie etwa Smart Grids.

An vielen Stellen fließt schon Geld

Seit 2008 wurden mithilfe von Klima-Investmentfonds, die von multilateralen Entwicklungsbanken und weiteren Partnern koordiniert werden, weitere sieben Milliarden Dollar in Entwicklungs- und Schwellenländer investiert – von sauberer Energie bis zum Waldschutz.

Unter dem Dach des UN-Klimasekretariats wurde zudem eine ganze Reihe von Instrumenten entwickelt, um die Transformation anzustoßen, vom Clean Development Mechanismus bis zum Anpassungsfonds. Finanzmittel kommen auch von der Globalen Umweltfazilität und aus bilateraler Zusammenarbeit, worunter sich auch Kooperationen der Entwicklungsländer untereinander finden.

In diesem Jahr wurde der Grüne Klimafonds arbeitsfähig gemacht und mit ersten Finanzmitteln in Höhe von mehr als zehn Milliarden Dollar ausgestattet. Alle diese Mittel können eingesetzt werden, um die finanziellen Risiken privater Investoren zu verringern und so das Vertrauen in das geplante Pariser Abkommen und dessen Weichenstellungen zu stärken.

Vielversprechend sind auch neue Finanzinstrumente wie die sogenannten "Green Bonds" oder "Klimaanleihen“. Der Markt für diese Produkte ist von rund 800 Millionen Dollar im Jahr 2007 auf inzwischen mehr als 35 Milliarden Dollar angewachsen. Experten schätzen, dass der Markt in diesem Jahr die 100-Milliarden-Marke reißen wird.

Auch aus der Lima-Paris Aktionsagenda, die sich nach dem Klimagipfel von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon im vergangenen September gegründet hatte, sind viele neue und inspirierende Initiativen erwachsen, an denen auch die Privatwirtschaft beteiligt ist: Eine Koalition institutioneller Investoren hat sich verpflichtet, bis zum Dezember Investitionen in Höhe von 100 Milliarden Dollar zu dekarbonisieren. Zudem haben sie sich verpflichtet, den CO2-Fußabdruck von Investitionen in Höhe von 500 Milliarden Dollar zu messen und offenzulegen.

Und die Versicherungswirtschaft hat zugesagt, ihre grünen Investitionen bis Dezember auf 84 Milliarden Dollar zu verdoppeln. Zudem hat sie die Absicht bekundet, ihre Investitionen in eine klimaverträgliche Entwicklung bis 2020 zu verzehnfachen.

Währenddessen investiert auch eine ganze Reihe von Städten in eine klimafreundliche Zukunft. Anfang des Jahres haben 17 Bürgermeister, darunter die von Berlin, London, New York und Yokohama, die Carbon Neutral Cities Alliance gegründet und in diesem Rahmen versprochen, ihre Emissionen bis 2050 um wenigstens 80 Prozent zu reduzieren.

Wir dürfen optimistisch sein ...

All das zeigt, dass es Gründe gibt, optimistisch zu sein – es gibt viele Fonds, Initiativen, Mechanismen und Veränderungen in der Politik; in die Sache kommt Schwung.

Aber es gibt auch Unsicherheiten und es gibt Lücken – vor allem in der Frage, ob die Bedürftigsten, wie die Entwicklungsländer, ausreichend unterstützt werden. In einigen Regionen hakt es noch, etwa in Südasien, Afrika und im Mittleren Osten; diese Regionen hinken bei den nationalen und internationalen Investitionen hinterher.

... aber verglichen mit dem Bedarf sind die Finanzströme winzig

Die bei weitem größte Herausforderung, der wir uns stellen müssen, ist die Tatsache, dass die Finanzströme zur Verbesserung der Anpassung und zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimafolgen winzig sind im Vergleich zu dem, was benötigt wird.

Der New Climate Economy Report stellt heraus, dass weltweit allein in den kommenden 15 Jahren 90 Billionen Dollar in Infrastruktur investiert werden. Das ist eine gewaltige Chance, aber auch ein mögliches Risiko. Denn wenn die Infrastruktur nicht widerstandsfähig und ökologisch gestaltet wird, laufen wir Gefahr, dass wir uns auf einen höchst verletzlichen, emissionsintensiven Entwicklungspfad festlegen. Dieser könnte unsere kollektive Fähigkeit unterminieren, einen gefährlichen Klimawandel zu vermeiden und die Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) der Vereinten Nationen zu erreichen.

Paris muss mehr liefern als einen kurzfristigen Business-Plan

Das Abkommen von Paris muss deshalb mehr sein als ein kurzfristiger Business-Plan. Es muss dafür sorgen, dass politische Maßnahmen, Entwicklungspfade und Strukturen auf den Weg gebracht werden, die den Emissions-Peak in zehn Jahren herbeiführen, die eine weitgehende Dekarbonisierung der Weltwirtschaft einleiten und die schließlich in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts eine klimaneutrale Welt schaffen.

Genau hier liegt der Weg in eine gute Zukunft für sieben bis neun Milliarden Menschen und in eine Welt innerhalb eines Temperaturanstiegs von zwei Grad.

Die Klimafinanzierung – beziehungsweise die Frage, inwiefern die Politik nationale und internationale Investitionen in eine klimafreundliche Transformation mobilisieren kann – ist einer der Schlüsselfaktoren auf dem Weg in eine Null-Emissions-Zukunft. Ebenso entscheidend, vor allem kurzfristig, ist aber auch der Umgang mit den Subventionen der Staaten für fossile Energieträger, die auf ein jährliches Volumen von 500 Milliarden Dollar geschätzt werden.

 

Die Autorin

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Christiana Figueres leitet seit 2010 das Klimasekretariat der Vereinten Nationen. Die costa-ricanische Politikern hat ihr Land bereits in den 1990er Jahren bei den UN-Klimaverhandlungen vertreten und sich früh für die Förderung der erneuerbaren Energien stark gemacht.

Dieser Beitrag ist zuerst auf g7g20.com erschienen.

 

Mehr Hintergrund

Bericht Global Trends in Renewable Energy Investments 2015, Bericht von Bloomberg Energy Finance, UNEP und Frankfurt School of Finance and Management

Bericht 2014 Biennial Assessment and Overview of Climate Finance Flows, Bericht des Standing Committee on Finance der UNFCCC

Grüner Klimafonds So viel Geld ist bislang zusammengekommen