Debatte, 09. Juli 2015

"Weniger rechnen, mehr nachdenken"

Zu sehr lassen wir uns in der Klimadebatte aufs Erbsenzählen ein und verlieren die grundsätzlichen Ursachen für den steigenden Ressourcenverbrauch aus dem Blick: Wachstumszwänge, Machtverhältnisse und Fragen sozialer Gerechtigkeit.

Von Dorothee Häußermann

Bin ich Klimaschützerin? Beim Klimaschutzpreis von RWE jedenfalls hätte ich wohl keine Chance. Die preisgekrönten Projekte befassen sich mit "Lärmschutz" und dem "Einsatz neuer Technologien zur Wärmeerzeugung". Wer zur Blockade von Braunkohlebaggern aufruft, qualifiziert sich nicht für die Auszeichnung.

Unter dem Stichwort "Klimaschutz" rangieren im Netz auch das "Geo-Engineering" oder "moderne", also etwas weniger ineffiziente Braunkohlekraftwerke oder eine Biogas-Anlage in Thailand, für deren Bau Menschen von ihrem Land vertrieben werden. "Klimaschutz" ist nicht zuletzt das Feindbild tausender Beschäftigter, die gegen eine Abgabe für Kohlekraftwerke demonstrierten, weil sie Angst um ihre Arbeitsplätze haben.

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Die nächsten Wochen wollen Umwelt- und Klimaaktivisten zu einem Sommer des Widerstands gegen den Baunkohleabbau in Deutschland machen. (Foto: Kathrin Henneberger)

Das Wort "Klimaschutz" macht inzwischen misstrauisch. Unternehmen vereinnahmen es für "Greenwashing". Es kann auch die oft gut gemeinten Maßnahmen von Umweltaktiven beschreiben, die viel rechnen, aber wenig Fragen stellen. Im Internet lässt sich die persönliche CO2-Bilanz erstellen, Umweltorganisationen streiten um Jahres- und Prozentzahlen.

Zu sehr lassen wir uns aufs Erbsenzählen ein und verlieren wesentliche Dinge aus dem Blick: grundsätzliche Ursachen für den steigenden Ressourcenverbrauch, Wachstumszwänge. Machtverhältnisse. Fragen sozialer Gerechtigkeit. Wenn Menschen in Simbabwe einen Solarkocher bekommen, damit die Reichen weiter in Urlaub fliegen können, finden wir das ganz okay – rein rechnerisch ist das klimaneutral.

Die Gewerkschafts-Demo in Berlin war ein Bumerang ins Gesicht einer Klimabewegung, die soziale Fragen vernachlässigt hat. Bei der Zahl der gefährdeten Jobs kommen Umweltschützer und Gewerkschaften zu erstaunlich unterschiedlichen Ergebnissen, doch sie bleiben in der gleichen Logik: Wer unrentabel ist, muss halt gehen.

Solche "Effizienzsteigerungsmaßnahmen" gehören zu den Regeln des Kapitalismus. Wieso richtet sich die Wut der Pro-Kohle-Demonstranten nicht an den Vorstand von RWE, dem im letzten Jahr über 17 Millionen Euro gewährt wurden, fast vier Millionen mehr als noch 2013? Wieso fordern nicht Klimaschützer*innen und Gewerkschaften gemeinsam eine gerechte Umverteilung von Einkommen und Arbeitszeit? Und wieso ist ein Maximaleinkommen für den Vorstand von RWE undenkbarer als die Vorstellung, die Wüste mit weißen Plastikplanen abzudecken, um die Sonneneinstrahlung zu reflektieren?

Klimagerechtigkeit ist das Signalwort

Doch es mehren sich Hinweise auf eine Klimabewegung, die auch fragt, wie wir auf dem Erdboden gut zusammenleben und wirtschaften können. Der kommende UN-Gipfel in Paris ist für sie kein Grund zu großer Hoffnung, aber Anlass für unzählige Vernetzungstreffen, für internationale Konferenzen, für Klimacamps und Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen Kohleabbau.

Das Signalwort lautet: Klimagerechtigkeit. Kristallisationspunkt der Bewegung ist in diesem Sommer das Rheinische Braunkohlerevier bei Köln. Das breites Anti-Kohle-Bündnis plant dort Mitte August eine massenhafte Aktion zivilen Ungehorsams, bei dem der Tagebaubetrieb lahmgelegt werden soll. Auch das Folgeprojekt der Degrowth-Konferenz 2014 in Leipzig campiert im Rheinland: Die Degrowth-Sommerschule zur Klimagerechtigkeit findet dieses Jahr am Rand des Tagebaus Garzweiler statt.

Zwei Bewegungen treffen aufeinander, die sich wunderbar ergänzen und viel voneinander lernen können. Der Uni-Dozent muss seinen Vortrag zu Makro-Ökonomik möglicherweise ohne Beamer halten, denn der Strom aus den selbstgebauten Solarzellen ist limitiert. Eine junge Frau, die bis jetzt im Urban-Gardening-Projekt aktiv war, lernt auf dem Camp eine Klimaaktivistin kennen und kommt vielleicht auf die Idee, sich an einen Braunkohlebagger zu ketten. Ein Referent aus Westafrika berichtet von ausbleibenden Regenfällen und Missernten. Dabei wird klar: Braunkohlekraftwerke kosten Arbeitsplätze – in Mali.

Welche Impulse können von dieser Bewegung ausgehen und was sind konkrete Ansätze für eine klimagerechte Postwachstumsgesellschaft? Dazu gehört, sich gegen die Abschottung der europäischen Außengrenzen zu wenden. Es kann nicht sein, dass wir Menschen daran hindern, vor Ressourcenknappheit und Kriegen zu fliehen, für die die Industrie des globalen Nordens mitverantwortlich ist.

Sozialer Übergang zur "low carbon economy"

Zur Klimagerechtigkeit gehört auch, einen sozial gerechten Übergang zu einer "low carbon economy" zu gestalten. Das bedeutet mehr, als der Angestellten eines Kohlekraftwerkes die Empfehlung auszusprechen, zur Altenpflegerin umzuschulen. Es geht darum, das Arbeitsleben grundlegend neu zu gestalten. Arbeitszeitverkürzung für alle ist eine Alternative zur Arbeitslosigkeit für die Unrentablen und den Burnout für den Rest.

Laut Naomi Klein gehören Klimaschutz und der Kampf um soziale Gerechtigkeit untrennbar zusammen. Sie zeigt, wie eine wachstumsfixierte Wirtschaft die Ausbeutung sowohl von Menschen als auch von natürlichen Ressourcen vorantreibt. Für Naomi Klein ist es wirkungsvoller, sich für ein garantiertes Mindesteinkommen einzusetzen als zum Beispiel für eine CO2-Steuer. Denn ein starkes soziales Netz verhindere, dass Menschen lediglich aus Angst einer Arbeit nachgehen, die schädlich ist, und eröffne die Möglichkeit, unabhängig von Existenzangst darüber zu diskutieren, welche Tätigkeiten und Produktionsbereiche wir gesellschaftlich wichtig finden – und welche wir lieber abschalten sollten.

Momentan sind wir hierzulande leider noch nicht so weit, soziale und ökologische Auseinandersetzungen zusammen zu führen. Der Zusammenschluss von Klima- und Degrowth-Bewegung macht Hoffnung darauf, dass sich das ändert.

Die Autorin

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Dorothee Häußermann ist freiberufliche Referentin, Klimaaktivistin und
Autorin. Sie gehört zum Vorbereitungskreis der Sommerschule 2015 "Degrowth konkret: Klimagerechtigkeit".

 

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