Debatte, 20. Juli 2015

"Wir brauchen eine langfristige Perspektive"

In Tansania werden die Menschen ungeduldig. Manchmal nennen sie ihre Vertreter auf den UN-Klimakonferenzen "Klima-Touristen". Die Bevölkerung leidet unter den Folgen des Klimawandels und drängt auf verbindliche Zusagen. Jetzt muss dringend Geld fließen.

Von Sixbert Mwanga, Climate Action Network Tanzania

Seit Jahren schon sind die Auswirkungen des Klimawandels auf dem afrikanischen Kontinent zu spüren. Vor allem arme Gemeinschaften leiden unter den Folgen von langen Dürreperioden, unter Fluten, unter dem Anstieg des Meeresspiegels und plötzlichen heftigen Regenfällen. Jede Veränderung spüren die Menschen hier ganz direkt, weil sie direkt von der Natur abhängig sind. Die Wissenschaft bemüht sich, die gravierenden Auswirkungen des Klimawandels für die Zukunft so genau wie möglich vorauszusagen. Für viele afrikanische Gemeinschaften sind diese jedoch jetzt schon schlimmer, als die Prognosen es sagen.

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In Tansania sind viele Gemeinschaften direkt von der Natur abhängig. Wenn die Trockenheit kommt, trifft sie das besonders hart. (Foto: Sixbert Mwanga)

Um den Klimawandel aufzuhalten, treffen sich die Staaten nun schon seit mehr als zwei Jahrzehnten zu den jährlichen Klimagipfeln. Während dieser Zeit sind die Verhandler von Stadt zu Stadt gezogen; es wurde taktiert und verzögert und Versprechen wurden von den Industriestaaten wieder und wieder nicht erfüllt.

Das sorgt für Spannungen zwischen den afrikanischen Klimadiplomaten und der Bevölkerung der afrikanischen Staaten. Die Menschen nennen die Verhandler "Klimatouristen", die ihre Posten zuhause verlassen, um zu unproduktiven Treffen überall in der Welt zu fliegen. Auch deshalb wird inzwischen immer häufiger gefragt, ob die Klimadiplomaten und Vertreter aus der Zivilgesellschaft überhaupt noch weiter an den Klimagipfeln teilnehmen sollten – und falls ja, wie viele es sein sollten. Oder sollten sie lieber die Zeit nutzen, die Gemeinschaften in den verletzbaren afrikanischen Ländern zu unterstützen?

Noch ist die Mehrheit der Bevölkerung dafür, dass Diplomaten und zivilgesellschaftliche Vertreter am Verhandlungsprozess teilnehmen. Aber die Bevölkerung drängt darauf, dass sich das in verbindlichen Vereinbarungen und zeitnahen Lösungen niederschlägt.

Die Industriestaaten müssen liefern

Um die Gemeinschaften zu unterstützen, die bereits unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden, werden die Industriestaaten nicht darum herum kommen, sich bei der Klimafinanzierung zu einigen, sich auf eine Unterstützung festzulegen und am Ende auch zu liefern. Die bislang immer nur ansteigende Kurve uneingelöster Versprechen muss beim Klimagipfel im Dezember in Paris ihre Richtung ändern. Hier müssen die Industriestaaten von sich aus die Mittel aufstocken. In der darauf folgenden Klimakonferenz 2016 in Marrakesch muss die Klimafinanzierung unter Dach und Fach gebracht sein, wenn die verletzlichsten Gemeinschaften eine Chance zum Überleben haben sollen.

So schnell die Klimafinanzierung jetzt kommen muss, so wichtig ist es dennoch, dass das Abkommen hierzu einige grundlegende Bedingungen erfüllt. So sollte die Klimafinanzierung nicht nur angemessen und für die Empfänger verlässlich planbar sein. Entscheidend ist auch, dass das Abkommen eine langfristige Perspektive liefert, wie die zu erwartenden Bedürfnisse armer und verletzlicher Staaten in Zukunft erfüllt werden sollen. Weil die verschiedenen Länder sehr unterschiedlich anfällig gegenüber den Folgen des Klimawandels sind, werden wir afrikanischen Verhandler uns für klare Kriterien für die Verteilung der Gelder stark machen. Grundlage sollte das Ausmaß der Betroffenheit durch den Klimawandel sein sowie die Fähigkeit der Staaten sich anzupassen. Der Zugang zur Klimafinanzierung und die Verwendung der Mittel müssen transparent geregelt werden.

Wir afrikanischen Verhandler werden deshalb in Paris bei Thema Klimafinanzierung geschlossen auftreten. Wir werden uns für eine gute Balance zwischen der Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen und Klimaanpassung einsetzen – für beides brauchen die Entwicklungsländer und vor allem die Subsahara-Staaten dringend Geld, wenn auch die Anpassung das Wichtigste ist. Vor allem aber werden wir uns nicht länger damit zufrieden geben, nur schöne Worte zu hören und Dokumente zu lesen, die das UN-Klimasekretariat oder irgendwelche Verhandlungsparteien verfasst haben. Das haben wir nun zwei Jahrzehnte lang getan, während die Auswirkungen des Klimawandels immer schlimmer geworden sind. Jetzt muss dringend Geld fließen.

Zivilgesellschaft bei der Klimafinanzierung einbeziehen

Wichtig ist, dass die Klimafinanzierung tatsächlich bei den Bedürftigen ankommt. Ob Paris wirklich als Erfolg verbucht werden kann, wird auch davon abhängen, ob das Abkommen dafür sorgt, dass die Gelder transparent, effizient, effektiv und tatsächlich auch für die bedürftigsten Gemeinschaften verwendet werden, so wie es die Zivilgesellschaft fordert. Damit das geschieht, verteidigen Nichtregierungsorganisationen Tag und Nacht die Interessen der betroffenen Gemeinschaften. Wir dürfen keinen Moment ruhen, sondern müssen genau verfolgen, wie viel Geld aus welchen Quellen auf den afrikanischen Kontinent gesendet wird und wohin es fließt.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die vergangenen beiden Dekaden haben für die Klimafinanzierung kaum Fortschritte gebracht; sie waren gezeichnet von leeren Versprechungen der Industriestaaten. Jetzt werden die afrikanischen Verhandler und die Vertreter der afrikanischen Zivilgesellschaft einerseits hart dafür kämpfen müssen, dass die Klimafinanzierung weiter aufgestockt wird und Klimaschutzmaßnahmen und Anpassung in den Entwicklungsländern möglich macht. Andererseits werden die zivilgesellschaftlichen Organisationen die Verteilung der Gelder in den Staaten selbst genau beobachten müssen, damit das Geld auch wirklich bei den bedürftigsten Gemeinschaften ankommt.

Übersetzung: Eva Mahnke

 

Der Autor

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Sixbert Mwanga ist Landeskoordinator des Climate Action Network Tanzania, dem mehr als 100 Umweltorganisationen angehören. Der Umweltexperte forscht zu Ressourcenmanagement und nachhaltiger Entwicklung.