Debatte, 30. Juli 2015

"75 Seiten sind zu viel"

Der Entwurf für das "Paris-Protokoll" liegt endlich vor. Auf dieser Basis soll im Dezember in der französischen Hauptstadt der neue Weltklimavertrag beschlossen werden, der erstmals alle Staaten der Welt verpflichtet, etwas gegen die Erderwärmung zu tun. Umweltverbände kommentierten das Papier unerwartet positiv. Dabei gibt es wenig Grund für Optimismus.

Von Joachim Wille

Noch vier Monate bis "Paris". Unter dem Eiffelturm soll im Dezember der neue Weltklima-Vertrag verabschiedet werden, der endlich alle Staaten der Welt verpflichtet, etwas gegen die beschleunigte Erwärmung der Erde zu tun und das Limit von plus zwei Grad einzuhalten.

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Wird Paris das zweite Kopenhagen? Oder der Beginn von etwas Neuem? (Foto: Emanuele Uboldi/flickr.com)

Fast ein Jahrzehnt ist es her, dass die Klimadiplomaten den Job bekamen, diesen Vertrag aufzusetzen. Jetzt haben sie, unzählige Konferenzen später, von denen den Kopenhagen-Flop von 2009 die bedeutsamste war, einen Entwurf für das "Paris-Protokoll" veröffentlicht. Seit Freitag Abend liegt er vor, das UN-Klimasekretariat in Bonn hat ihn ins Netz gestellt. Endlich.

Endlich?

Kann man aufatmen? Nicht wirklich. Denn bis der Vertrag stehen soll, gibt es nur noch 20 offizielle Verhandlungstage – auf dem Gipfel in der französischen Hauptstadt und auf zwei Vortreffen im September und Oktober. Zudem ist der Entwurf nicht die erhoffte knappe Vorgabe, die in Paris von den Ministern sowie am Ende den Staats- und Regierungschefs mit ein paar wenigen grundlegenden Entscheidungen "finalisiert" werden muss. Er hat, Einleitung und technische Details abgezogen, stolze 75 Seiten. Zudem enthält er Dutzende sich widersprechende Optionen sowie hunderte Klammern mit Alternativ-Vorschlägen.

Das weckt böse Erinnerungen. Kopenhagen scheiterte ja unter anderem auch daran, dass Obama, Merkel und Co am Ende höchstselbst versuchten, den damaligen Textentwurf Satz für Satz glattzuziehen. Diesmal, vor Paris, sollte es anders sein. Dazu braucht es nun fast ein Wunder.

Angesichts dessen sind die Kommentare der Umweltverbände unerwartet positiv ausgefallen. Greenpeace-Experte Martin Kaiser meinte, der Entwurf sei ein "gut sortierter Bausatz", auch wenn ein paar wichtige Teile noch fehlten, etwa ein Plan für den Ausstieg aus Kohle, Erdöl und Erdgas. Auch die US-Umweltschützerin Jennifer Morgan befand, das bisherige Durcheinander der Vorschläge sei gelichtet – und der Text eine gute Grundlage, um die Verhandlungen voranzubringen.

Zwei Drittel wissen nichts vom Klimawandel

Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt, und das ist gut so. Denn ein "Kopenhagen II" kann die Welt sich nicht leisten – selbst wenn, wie jetzt eine Studie ergab, 40 Prozent aller Erwachsenen weltweit noch nie etwas vom Klimawandel gehört haben. In der westlichen Welt wüssten zwar mehr als 90 Prozent Bescheid, in Ländern wie Indien, Bangladesch oder Ägypten aber weniger als 35 Prozent, ermittelten die Wissenschaftler aus den USA und Taiwan bei der Auswertung von Umfragedaten aus 119 Ländern.

Merke: Nichtwissen, ob aus Mangel an Bildung, schlechtem Zugang zu Medien oder schlichtem Desinteresse, schützt vor den Folgen des überhitzten Treibhausklimas nicht. Klimaleugner zu sein übrigens auch nicht.

Der Autor

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Joachim Wille ist Journalist. Er schreibt für die Frankfurter Rundschau, klimaretter.info und die Berliner Zeitung und verfolgt seit Jahren die UN-Klimaverhandlungen.