Debatte, 11. September 2015

"Bei Anpassung müssen wir größer denken"

Bei der Anpassung an den Klimawandel reicht es nicht aus, viele kleine Projekte zu starten. Wir müssen in großen Maßstäben denken, um Millionen Menschen zu helfen und einen Wandel in der Politik zu bewirken.

Von Ayesha Dinshaw, Arivudai Nambi Appdurai
und Namrata Ginoya

Der Klimawandel bedroht nahezu jede Gemeinschaft auf der Erde. Häufigere und schwerere Dürren, Hochwasser und Hitzewellen werden die Landwirtschaft, die Ernährungssicherheit, die Höhe des Bruttoinlandsprodukts sowie Leben und Lebensräume beeinflussen. Die Weltbank schätzt, dass die Menschheit zwischen 2010 und 2050 jährlich zwischen 70 und 100 Milliarden US-Dollar ausgeben muss, um sich an eine Zwei-Grad-Welt anzupassen.

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Dürre-resistentes Saatgut für alle: Viele gute Ideen zur Anpassung an den Klimawandel gibt es bereits, jetzt müssen sie noch weiträumig zur Anwendung kommen. (Foto:
Zefe Wu/pixabay.com)

Trotz der schrecklichen Auswirkungen des Klimawandels sind die meisten Anpassungsprojekte bislang im Umfang sehr klein sowie zeitlich begrenzt. Oft sind sie auf die konkreten Probleme vor Ort zugeschnitten – was hilfreich ist, um den Bedürfnissen dort wirklich gerecht zu werden. Allerdings sind die Maßnahmen dadurch auch nur sehr begrenzt in der Lage, größeren Bevölkerungsgruppen zu helfen oder die Politik im Umgang mit der Klimaanpassung grundlegend zu verändern.

Es ist Zeit, in größeren Dimensionen zu denken. Den Herausforderungen des Klimawandels wirklich gerecht zu werden bedeutet, Anpassungsmaßnahmen über große geografische Räume hinweg zu planen. Nur so können mehr gefährdete Menschen geschützt werden. 

Dass wir Anpassungserfolge im großen Maßstab brauchen, zeigt das Beispiel der auf Bewässerung angewiesenen Landwirtschaft in Indien. Diese macht 58 Prozent der kultivierten Flächen des Landes aus und ist für 40 Prozent der indischen Nahrungsmittelproduktion verantwortlich. Wissenschaftler sagen voraus, dass der Klimawandel der Landwirtschaft erheblich zusetzen wird und dass große Ernteeinbußen und damit auch Einkommensverluste auf die Bauern zukommen. Allein die Einbußen bei Reis, Weizen und Mais könnten sich bis 2050 auf 208 Milliarden Dollar belaufen, im Jahr 2100 auf 366 Milliarden Dollar. Es gibt bereits viele Anpassungsprojekte in diesen landwirtschaftlichen Regionen, aber bis heute ist kaum eines groß genug, um einen wirklichen Wandel zu bewirken.

Zugang zu dürreresistentem Saatgut staatlich regeln

Ein Beispiel: Ein Projekt einer Nichtregierungsorganisation stellt den Gemeinschaften in einem Bundesstaat verschiedenes Saatgut für dürreresistentere Pflanzen zur Verfügung, damit die Bauern sich besser an unregelmäßige Monsun-Zeiten und Trockenperioden anpassen können. Bislang aber ist das Projekt auf die wenigen Gemeinschaften beschränkt, die an diesem einen speziellen Projekt teilnehmen. Wenn man dieses Projekt auf alle durch Dürre gefährdete Regionen in dem Bundesstaat ausdehnen würde, wäre die Wirkung erheblich größer. Und noch größer wäre sie, wenn das Projekt die Landwirtschaftspolitik so beeinflussen würde, dass der Zugang zu dem Saatgut für alle Bauern in allen durch Dürre gefährdeten Regionen institutionell geregelt würde.

Es gibt ganz unterschiedliche Wege, um den Anpassungsprojekten den erforderlichen Umfang zu geben. Immer braucht man verschiedene Gruppen, die daran mitarbeiten: Zum Beispiel könnten sich einige um die Finanzierung kümmern, um ein bestimmtes Projekt auch auf andere Regionen auszudehnen. Die staatlichen Regierungen oder Provinzregierungen könnten dann den Nutzen der Projekte erkennen (zum Beispiel die Vorteile einer Verteilung von dürreresistentem Saatgut) und dafür Fördermittel bereitstellen. Möglich wäre auch, dass sich Bauern von ihren Nachbarn inspirieren lassen und selbst das dürreresistente Saatgut kaufen – wenn sie es sich denn leisten können.

Die Verbreitung neuer klimaangepasster Methoden muss natürlich nicht an den Landesgrenzen Halt machen. Das Auftreten von Dürren wird mit dem Klimawandel noch zunehmen und wird viele landwirtschaftliche Regionen bedrohen – vor allem in Afrika und Asien. Angesichts des Klimawandels und der damit einhergehenden Bedrohung der Ernährungssicherheit sollten die Gemeinschaften in den betroffenen Regionen weltweit die vorhandenen Erfahrungen nutzen und erfolgreiche Methoden zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels übernehmen.

Wir müssen entscheiden, welche Projekte wir ausweiten

Zurzeit entwickeln viele Staaten und Regionen Anpassungspläne und viele Länder nehmen Anpassungsziele in ihre INDCs auf, in die nationalen Klimaziele, die sie beim UN-Klimasekretariat einreichen. Die Finanzmittel für die Klimaanpassung sind zwar noch begrenzt, aber mit dem Grünen Klimafonds, nationalen Töpfen und anderen Finanzierungsquellen wachsen sie langsam an.

Jetzt ist es Zeit, die Klimaanpassung auszuweiten: Finanzierungsorganisationen, Politiker, Praktiker und die breite Öffentlichkeit müssen großformatige Anpassungslösungen suchen, die einen nachhaltigen Wandel bewirken. Die Herausforderung besteht darin zu entscheiden, welche Anpassungsprojekte ausgeweitet werden sollten und in welchem Ausmaß das geschehen soll.

Jetzt ist es Zeit, in großen Maßstäben zu denken und die vielen guten, aber kleinen Projekte so auszudehnen, dass sie den Bedürfnissen von Millionen Menschen gerecht werden.

Übersetzung: Eva Mahnke

 

Die Autoren

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Ayesha Dinshaw arbeitet in der "Vulnerability and Adaptation Initiative" des World Resources Institute. Ihre Schwerpunkte sind die Anpassung von Städten an den Klimawandel sowie die Überwachung und Auswertung von Anpassungsprojekten in Indien.
 

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Arivudai Nambi Appadurai ist Strategiechef der Vulnerability and Adaption Initiative. Er erforscht, wie sich Staaten und Regionen an vielfältige Klimarisiken anpassen können. Zurzeit beschäftigt er sich vor allem damit, wie sich Anpassungsstrategien in die nationale und regionale Entwicklungspolitik integrieren lassen.
 

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Namrata Ginoya ist bei der Vulnerability and Adaption Initiative des World Resources Institute Indien vor allem für den Aufbau von Partnerschaften und die Projektkoordination zuständig.

 
Dieser Text ist zuerst beim World Resources Institute erschienen.

 

Mehr Hintergrund

Bericht Mit dem Report Scaling Success: Lessons from Adaptation Pilots in the Rainfed Regions of India stellt das World Resources Institute Indien einen Leitfaden zur Verfügung, wie sich Anpassungsprojekte aufbauen, finanzieren und auf einen größeren Radius ausweiten lassen.