Debatte, 22. September 2015

"Wir warnen vor der 'Climate-Smart Agriculture'"

Zurzeit versuchen internationale Agrarkonzerne unter dem Deckmantel einer "klimaintelligenten Landwirtschaft" ihre sozial- und klimaschädlichen Produktionsmodelle zu vermarkten. Die Welt braucht aber dringend andere Produktions- und Konsummuster.

Von Eike Zaumseil

Die internationalen Entscheidungsprozesse zum Komplex "Klimawandel und Landwirtschaft" befinden sich gerade in einer Phase, in der wichtige Weichenstellungen für die Zukunft vorgenommen werden. Im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen werden erhebliche Finanzmittel bereitgestellt, die zum Großteil in den besonders vom Klimawandel betroffenen Agrarsektor fließen werden. Dies bietet die Chance für einen ökologischen Wandel, birgt aber auch die Gefahr der Zementierung von Produktionsmodellen, die bestehende Probleme eher verschärfen, als sie zu lösen.

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Schlecht für Umwelt und Klima, gut fürs Geschäft: Baumwollanbau braucht besonders viel Wasser, Pestizide und Düngemittel. (Foto: Kimberly Vardeman/Wikimedia Commons)

Zusammen mit mehr als 300 Entwicklungs- und Kleinbauernorganisationen warnt Brot für die Welt in einer gemeinsamen Stellungnahme davor, "Climate-Smart Agriculture" auf dem Pariser Klimagipfel als Lösungsansatz im Kampf gegen den Klimawandel zu präsentieren. Das Konzept ist beliebig und enthält keinerlei Kriterien dafür, welche landwirtschaftlichen Praktiken sich aus sozialer und ökologischer Sicht als "klimaintelligent" qualifizieren – und vor allem, welche nicht.

Damit bietet die "klimasmarte Landwirtschaft" der Agrarindustrie die Möglichkeit, ihre sozial und klimaschädlichen Produktionsmodelle unter dem Deckmantel des Klimaschutzes zu vermarkten. Eine von Industrieländern und multinationalen Agrar- und Lebensmittelkonzernen dominierte "Global Alliance for Climate-Smart Agriculture" versucht bereits, das Konzept in den Forschungs- und Entwicklungsbudgets von immer mehr internationalen Organisationen und Regierungen zu verankern.

Die konventionelle Landwirtschaft heizt die Erderwärmung kräftig an

"Weiter wie bisher" ist in der Landwirtschaft aber keine Option. Die Zeit drängt und die Probleme sind immens: Einerseits bedroht das Wetterchaos die weltweiten Ernteerträge und damit die Lebensgrundlage der gesamten Menschheit. Anderseits heizt die konventionelle Landwirtschaft mit ihrem exzessiven Einsatz von Agrarchemie und ihrer Massentierhaltung die Erderwärmung kräftig an. Klar ist: Die Welt braucht grundlegend andere Produktions- und Konsummuster, um die wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können, ohne die Umwelt zugrunde zu richten. Diese müssen sich an den Bedürfnissen und Kenntnissen der Millionen von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Entwicklungsländern orientieren, die den Großteil der weltweit konsumierten Lebensmittel produzieren und gleichzeitig besonders verwundbar gegenüber den Folgen des Klimawandels sind. Lösungsansätze der Agrarindustrie, die vorrangig auf der Verbreitung teurer Betriebsmittel basieren, schaden Kleinbauernfamilien, weil sie sie in eine existenzgefährdende finanzielle Abhängigkeit bringen.

Statt den alten Wein der industriellen Intensivierung in neue Schläuche namens "Climate-Smart Agriculture" zu füllen, sollten Regierungen, Hilfswerke und internationale Organisationen endlich agrarökologische Prinzipien zur Leitlinie für eine neue Landwirtschaftspolitik machen. Das beinhaltet sowohl umwelt- und klimaschonende Anbaumethoden als auch eine solidarische Form der Ressourcenverteilung, die allen Menschen gleichen Zugang zu Land, Saatgut und Wasser gewährt.

Die Profiteure werden sich mit Händen und Füßen wehren

Klar, dass sich die Profiteure der bisherigen Produktionsmodelle mit Händen und Füßen gegen einen derartigen Kurswechsel wehren. Die Agrarkonzerne wissen nur zu gut, dass ihnen ökologische Bewirtschaftungsformen keine Kundschaft für Pestizide, synthetische Düngemittel und lizensiertes Gentech-Saatgut bringen. Der Klimawandel jedoch degradiert die industrielle Landwirtschaft zum Auslaufmodell, egal mit welchen Begriffen sie sich tarnt. Die politischen Entscheidungsträger müssen endlich echte Lösungswege für eine zukunftsfähige Landwirtschaft einschlagen.

Der Autor

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Eike Zaumseil ist Referent für Klima und Landwirtschaft bei der entwicklungspolitischen Organisation Brot für die Welt.

 

Dieser Text ist zuerst als Blogbeitrag auf brot-fuer-die-welt.de erschienen.