Debatte, 02. Oktober 2015

"Die Industriestaaten müssen für die Schäden bezahlen"

"Loss and damage", die Schäden und Verluste durch den Klimawandel, müssen Bestandteil des Pariser Abkommens werden. Nur so werden die Industriestaaten ihrer historischen Verantwortung gerecht.

Von Harjeet Singh, Action Aid

Es wird nicht ausreichen, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad Celsius zu beschränken. Das sagen vor allem arme Entwicklungsländer. Sie fordern, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu beschränken, weil sich nur so verhindern lässt, dass sich der Klimawandel verheerend auswirkt.

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Der Taifun "Haiyan" hat 2013 auf den Philippinen riesige Schäden angerichtet. (Foto: Liam Kennedy/Wikimedia Commons)

Rechtsexperten der Vereinten Nationen haben – ausgehend von den Erkenntnissen des Weltklimarates – darauf hingewiesen, dass ein durchschnittlicher Anstieg der Temperatur um zwei Grad eine ganze Reihe von Menschenrechten beeinträchtigt. Dazu zählen das Recht auf Leben, auf Gesundheit, auf Ernährung und Wasser.

Der Vertragsentwurf für das Pariser Abkommen, das Ende Dezember beschlossen werden soll, enthält noch beide Temperatur-Optionen. Allerdings scheint es gegenwärtig keinen ausreichenden politischen Willen zu geben, sich auf das ambitioniertere der beiden Ziele zu einigen. Im Gegenteil: Mit den nationalen Aktionsplänen, den sogenannten INDCs – die mehr Beiträge denn echte Verpflichtungen sind – bewegen wir uns eher auf eine um vier Grad wärmere Welt zu.

Bislang ist die globale Durchschnittstemperatur um 0,8 Grad Celsius gestiegen; und schon das sorgt für Schäden: Allein in den vergangenen fünf Jahren sind durch Extremwetterereignisse tausende Menschen gestorben und Millionen Menschen haben Schaden erlitten. Zu nennen sind hier die Dürre am östlichen Horn von Afrika 2011, die durch unberechenbares Wetter ausgelösten Hungerkrisen in der Sahelzone, der Hurrikan "Sandy" in den USA, eine ganze Serie von starken Taifunen auf den Philippinen, darunter "Haiyan" 2013, der Zyklon "Pam" auf Vanuatu Anfang des Jahres und die Hitzewelle in Indien in diesem Sommer. Einem UN-Bericht zufolge ist der Klimawandel für 87 Prozent der weltweiten Naturkatastrophen verantwortlich.

Wir können uns eine um zwei, drei, vier Grad wärmere Welt gar nicht ausmalen

Wir kennen die verheerenden Folgen eines Temperaturanstiegs um 0,8 Grad. Können wir es zulassen, dass sich der Temperaturanstieg auch nur auf 1,5 Grad Celsius verdoppelt? Die Folgen der ansteigenden Temperaturen werden nicht linear zunehmen, sondern das, was wir jetzt erleben, um ein Vielfaches steigern. Was bei einer Erderwärmung um zwei, drei oder vier Grad passieren wird, können wir uns gar nicht ausmalen.

Die verwundbaren Länder rufen dazu auf, über das Limit nachzudenken, das unser Planet überhaupt ertragen kann. Das sind keine willkürlichen politischen Forderungen, sondern Forderungen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Diese Länder erinnern uns auch daran, dass vor allem die reichen Staaten handeln müssen, weil sie historisch gesehen die größte Verantwortung für die Probleme tragen. Und sie erinnern uns daran, dass die armen Länder, wenn sich beteiligen sollen, hierbei Unterstützung brauchen.

Auf dem Weg zum Pariser Abkommen sind drei Dinge entscheidend:

1. Es gibt eine große zeitliche Verzögerung im Klimasystem

Auch wenn es gelingt, die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre zu stabilisieren, werden die Oberflächentemperaturen auf der Erde Wissenschaftlern zufolge mindestens ein Jahrhundert lang weiter steigen. Ebenso wird sich der Meeresspiegelanstieg fortsetzen. Unterstrichen wird das durch die Tatsache, dass zwar die Emissionen seit Beginn der industriellen Revolution stetig gestiegen sind, jedoch zwei Drittel der Erderwärmung erst seit 1975 stattgefunden haben. Das heißt: Selbst wenn wir bis 2050 einhundert Prozent erneuerbare Energien erreichen, wird der Klimawandel noch weit über das Ende dieses Jahrhunderts hinaus Menschen und Ökosysteme treffen.

2. Der Umgang mit Klimaschäden ist keine Klimaanpassung

Unter "adaptation" werden in den UN-Verhandlungen die Prozesse zur Anpassung an die bestehenden oder erwarteten Auswirkungen des Klimawandels verstanden. Ein unzureichender Klimaschutz und eine unzureichende Anpassung haben uns aber bereits Schäden und Verluste, im UN-Sprech "loss and damage", beschert. Denn Anpassung ist in vielen Situationen nicht länger möglich; es wird immer mehr unwiederbringliche Verluste geben. Während die Temperaturen ansteigen, werden weltweit die Grenzen dabei erreicht, mit der Gletscherschmelze, einem steigenden Meeresspiegel und zunehmenden Extremwetterereignissen zurechtzukommen.

Dennoch wurde der sogenannte Warschau-Mechanismus für Schäden und Verluste, auf den sich die Staaten beim UN-Klimagipfel 2013 in Warschau verständigt haben, institutionell im drei Jahre zuvor in Mexiko geschaffenen Cancun Adaptation Framework verankert, im "Cancún-Rahmen für Anpassung". Das bedeutet, dass "loss and damage" gegenwärtig als Teil der Anpassung behandelt wird – und nicht als ein separater Prozess für den Umgang mit den Folgen des Scheiterns bei Klimaanpassung und Klimaschutz.

"Loss and damage" als eigenen Block im Pariser Abkommen anzuerkennen ist nun eine Schlüsselforderung der Entwicklungsländer. Im Rahmen des Warschau-Mechanismus muss Wissen geschaffen, müssen Strategien zur Bewältigung neuer Herausforderungen entwickelt und finanzielle und technische Unterstützung geleistet werden.

3. Entschädigung ist der Dreh- und Angelpunkt im Klimaschutz

In der Vergangenheit haben die reichen Staaten, allen voran die USA, Kanada, Japan und Australien, die Forderungen der Entwicklungsländer und der Zivilgesellschaft stets abblitzen lassen, ihre Emissionen zu reduzieren und entsprechend ihrer Verantwortung zu handeln. Jahrzehntelang haben sie weder ihren Treibhausgasausstoß verringert noch Entwicklungsländer angemessen dabei unterstützt, ihre Energiesysteme umzustellen und widerstandsfähiger zu werden.

Massenhafte von Entwicklungsländern angestoßene Prozesse vor dem Internationalen Gerichtshof sind denkbar. Von den Industriestaaten eine Entschädigung für die Schäden und Verluste zu verlangen, ist der Dreh- und Angelpunkt, um sie zur Verantwortung zu ziehen. Das wird auch für Fortschritte beim Klimaschutz sorgen und zeitnah Ressourcen zur Anpassung schaffen, um künftige Schäden und Verluste zu vermeiden.

Der Erfolg des Kampfes gegen den Klimawandel wird sich daran bemessen, ob wir rechtzeitig gehandelt haben, um die Menschenrechte jetziger und zukünftiger Generationen vor der Bedrohung zu schützen.

 

Der Autor

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Harjeet Singh leitet bei der Nichtregierungsorganisation ActionAid den Bereich Klima. Er berät Staaten und die Zivilgesellschaft bei politischen Antworten auf den Klimawandel. Singh arbeitet eng mit dem Global Network of Civil Society Organisations for Risk Reduction (GNDR) und dem Climate Action Network (CAN) zusammen. Zudem ist Singh Mitgründer der Alliance of Adaptation and Disaster Risk Reduction Indien (AADRR).

 

Dieser Text ist zuerst auf trust.org, dem Portal der Thomson Reuters Foundation, erschienen.

 

 

Harjeet Singh über seine Arbeit bei ActionAid