Debatte, 10. Oktober 2015

"Klimagerechtigkeit und Degrowth wachsen zusammen"

Die faire Verteilung der Emissionen muss mit der Abkehr vom Wachstumsfetisch zusammengedacht werden – die "Degrowth-Sommerschule" hat vorgemacht, wie das geht. Für den Pariser Gipfel will die Klimabewegung mobilisieren, um eine größere Wirkungsmacht zu entfalten als die offizielle UN-Klimadiplomatie.

Von Christiane Kliemann

Klimagerechtigkeit ist ein sperriges Wort und wenig bekannt in Deutschland, kommt die Forderung doch vor allem aus dem globalen Süden. Schnell wird aber klar, dass Klimagerechtigkeit – ganz unabhängig sogar von moralischen Fragen – eine zentrale Voraussetzung für konsequenten Klimaschutz ist. Letztendlich geht es darum, die wenigen Emissionen, die die Menschheit noch in die Luft pusten darf, weltweit gerecht zu verteilen und zugleich die natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten.

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"Das einzige nachhaltige Wachstum ist "Degrowth": Das Degrowth-Konzept ist weitaus mehr als die Idee, dass die Wirtschaft schrumpfen muss, damit die Gesellschaft nachhaltig wird. (Foto: Kamiel Choi/Pixabay)

Schon heute gibt es unzählige soziale Konflikte, die auf die Zerstörung ebendieser Lebensgrundlagen zurückgehen. Dahinter verbirgt sich sozialer Sprengstoff: Stichworte sind hier zum Beispiel Ölbohrungen, Fracking, Kohleabbau, Rohstoff-Minen aller Art, Abholzung, Land Grabbing oder Mega-Staudämme. Verschärfen sich die Verteilungskonflikte um die knapper werdenden Ressourcen, sind Massenmigration und steigende Gewalt die Folge.

Degrowth – oder anders gesagt die Kritik an immerwährendem wirtschaftlichem Wachstum – gewinnt vor allem bei uns im globalen Norden immer mehr Anhänger. Die Degrowth-Konferenz 2014 in Leipzig hat das deutlich gezeigt. Neben einer gerechteren Verteilung geht es hier vor allem um die ökologischen Grenzen, die die Menschheit mit ihrer Art zu wirtschaften längst schon erreicht, wenn nicht sogar überschritten hat.

Im Süden hat man verständlicherweise andere Probleme als Wachstum und Überkonsum. Dort kämpfen soziale Bewegungen vielerorts gegen elementaren Mangel und den Ausschluss großer Teile der Bevölkerung von der Nutzung der Ressourcen. Dennoch haben beide Ansätze vieles gemein und verstehen sich als Teil einer globalen Bewegung für einen umfassenden sozialen und ökologischen Wandel, Kapitalismuskritik inklusive.

"Grünes Wachstum ist nicht möglich"

Etwa eintausend Menschen nahmen am diesjährigen Klimacamp im Rheinland und an der Degrowth-Sommerschule teil, die gemeinsam stattfanden. Sie mussten nicht erst davon überzeugt werden, dass sogenanntes grünes Wachstum nicht möglich ist, dass die Energiewende viel zu kurz greift und Technologie allein den Klimawandel nicht aufhält. Einig waren sie sich auch darüber, dass die Hauptursachen des Klimawandels im bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem liegen. Das könne deswegen in seiner jetzigen Form nicht Teil der Lösung sein. So böten auch die offiziellen UN-Klimaverhandlungen nicht den geeigneten Rahmen, um an diesen Ursachen etwas zu ändern.

In den vielen Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops der Sommerschule ging es denn auch in erster Linie um Allianzen zwischen den unterschiedlichen Bewegungen und um gemeinsame Ziele für konkrete Aktionen. Auch wurde der Bogen geschlagen zu Bewegungen, die üblicherweise nicht mit Klima-Fragen verbunden werden, wie die neuen linken Bewegungen in Spanien und Griechenland oder die kurdische Selbstverwaltung in Rojava.

Vor allem der globale Süden bestach auf der Sommerschule durch Radikalität. Das ist besonders interessant, weil gerade mit dem Verweis auf den Süden die Kritiker von Wachstum und Konsum mundtot gemacht werden sollen. So betonte die kolumbianische Ökonomin Lyda Fernanda Forero, dass wir das "patriarchalische System des Kapitalismus" überwinden und auf andere Lösungen setzen müssten – wie kleinbäuerliche Landwirtschaft, Waldfeldbau und lokale, selbstverwaltete Ernährungs- und Energiesouveränität.

Aufruf zum Widerstand gegen den offiziellen UN-Klimaprozess

Joanna Cabello von Carbon Trade Watch rief zum Widerstand gegen den offiziellen UN-Klimaprozess auf, da dieser von den wirklichen Herausforderungen ablenke. Die indische Graswurzel-Aktivistin Vaishali Patil beschrieb den kraftvollen, tief in der Bevölkerung verankerten Widerstand gegen Atom- und Kohlekraftwerke in Maharashtra. Aus ihrer Sicht stellen weite Teile der indischen Bevölkerung den westlichen Entwicklungsbegriff in Frage – ganz im Einklang mit nördlicher Wachstumskritik.

Auf den Podien und in den Gesprächen war die Frage nach dem "Wie weiter?" allgegenwärtig. Dabei nahm der Widerstand gegen den weltweiten Abbau fossiler Brennstoffe und anderer Ressourcen großen Raum ein, eingeschlossen die überwältigende Solidarität für die Aktion "Ende Gelände", die wenige Tage später stattfand.

Angesichts des Klimagipfels in Paris spielte auch die Positionierung der internationalen Klimabewegung eine wichtige Rolle. Keinesfalls wolle man den Fehler von Kopenhagen 2009 wiederholen und zu viel Hoffnung auf die offizielle Klimapolitik setzen, hieß es. So soll in Paris zu kraftvollen Gegenveranstaltungen mobilisiert werden – als Teil einer Klimabewegung von unten, die, so die Hoffnung, eine größere und radikalere Wirkungsmacht entfalten kann als die offizielle Klimadiplomatie.

 

Die Autorin

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Christiane Kliemann ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Postwachstum, alternative Ökonomie und gesellschaftlicher Wandel. Sie hat die Leipziger Degrowth-Konferenz und die Sommerschule zu Degrowth und Klimagerechtigkeit mitorganisiert und betreut den Blog des Degrowth-Webportals. Zuvor hat sie beim UN-Klimasekretariat und bei der Deutschen Welle gearbeitet. Sie wohnt im Ökodorf Sieben Linden in Sachsen-Anhalt.