Debatte, 21. November 2015

"Der indigene Plan für den Waldschutz ist effektiver"

Das UN-Waldschutzprogramm REDD missachtet die Rechte indigener Völker. Das Programm RIA zeigt, wie Waldschutz, Klimaschutz, Anpassung und der Schutz indigener Rechte zusammengehen – und das auch noch extrem kosteneffizient.

Von Thomas Brose, Klima-Bündnis

Anlässlich des diesjährigen Internationalen Tags der indigenen Bevölkerung am 9. August haben indigene Führungspersönlichkeiten aus dem Regenwald Amazoniens einen Vorschlag wiederholt, der 96 Gigatonnen Kohlendioxid dauerhaft binden könnte. Die Menge entspricht den weltweiten CO2-Emissionen von 2010, 2011 und 2012 zusammen. Der als "Indigenes REDD+" oder kurz RIA bekannt gewordene Vorschlag beruht auf einer nachhaltigen Bewirtschaftung indigener Regenwaldterritorien im Amazonasbecken. Diese Gebiete umfassen 2,4 Millionen Quadratkilometer Regenwald, ein Gebiet mehr als siebenmal so groß wie Deutschland.

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Der Wald ist für indigene Völker Nahrungslieferant und Lebensgrundlage. (Foto: Mike Goldwater/Survival International)

Während der Beitrag der Initiative zum Klimaschutz an sich schon beeindruckend ist, reicht er aber noch weit über die bloßen Vorteile der Reduzierung globaler Emissionen hinaus. Die Idee ist einfach. Das Programm sieht vor, die rechtliche Anerkennung indigener Territorien zu gewährleisten und die BewohnerInnen dieser Gebiete in dem zu unterstützen, was sie schon immer getan haben: den Wald, ihr Zuhause, zu erhalten.

Dieser einfache Plan hilft, sowohl indigene Existenzgrundlagen zu bewahren als auch komplexe Wald-Ökosysteme – und damit die Regulierung des Wetters wie auch der Nährstoff-, Boden- und Wasserkreisläufe. Weil der Plan vor allem auf der rechtlichen Anerkennung von indigenen Territorien basiert, ist er außerdem extrem kosteneffizient und bedarf wenig neuer Infrastruktur.

Anerkennung der indigenen Gebiete

Von den 2,4 Millionen Quadratkilometern indigener Territorien im Regenwald Amazoniens müssen noch etwa eine Million Quadratkilometer offiziell anerkannt werden. Geschätzte 20 Prozent davon sind bedroht – aufgrund von äußerem Druck wie der Erdölförderung, durch Infrastrukturprojekte und durch großflächige agroindustrielle Nutzung. Diese Territorien sind nicht nur die Heimat ganzer Bevölkerungsgruppen, sie sind auch von überproportionaler Bedeutung im Kampf gegen den Klimawandel.

Die Studie "Kohlenstoff im Regenwald Amazoniens" weist auf die Tatsache hin, dass sich über die Hälfte des im Amazonasbecken gespeicherten CO2 in indigenen und geschützten Gebieten von neun Ländern befindet. Das ist als die Summe dessen, was in den Wäldern der Demokratischen Republik Kongo und Indonesiens zusammen gespeichert wird.

Der vom Dachverband der indigenen Organisationen Amazoniens COICA propagierte Vorschlag erhält als sozialverträgliche Alternative zu den REDD-Programmen der UN zunehmend Unterstützung. Sieben Pilotprojekte in verschiedenen südamerikanischen Ländern laufen zurzeit an. Kein ernst gemeinter weltweiter Klimaschutzplan kann es sich leisten, die immensen Mengen von Kohlendioxid, die in indigenen Gebieten in Amazonien gespeichert werden, zu ignorieren. In diesem Jahr, dem Europäischen Jahr der Entwicklung, wurden die neuen UN-Nachhaltigkeitsziele beschlossen und es wächst die Einsicht, Vorschläge aufzunehmen, die indigene Völker als bestmögliche Hüter ihrer eigenen Territorien bei der UN-Klimakonferenz COP 21 im Dezember in Paris anerkennen.

Das offizielle REDD-Konzept: Waldschutz bekommt einen wirtschaftlichen Wert

Die Grundidee von REDD basiert auf der Funktion der Wälder, CO2 zu speichern. Mit REDD wird dem in den Wäldern gespeicherten Kohlenstoff ein wirtschaftlicher Wert beigemessen; so kann die Erhaltung der Wälder in wirtschaftliche Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Im Rahmen eines REDD-Systems sollen die Emissionen aus tropischer Entwaldung anerkannt und bewertet werden, damit wirtschaftliche Anreize für die Reduzierung der Entwaldung entstehen.

Durch REDD und seine Weiterentwicklung REDD+ besteht jedoch die Gefahr, dass die anerkannten Rechte der indigenen Völker wieder aufgeweicht oder zurückgenommen werden. Deshalb entstand als Antwort der indigenen Völker Amazoniens das Programm "REDD+ Indígena Amazónico", kurz RIA. Das "indigene REDD+" wurde 2010 vom Dachverband der indigenen Völker aus dem Amazonasgebiet Perus AIDESEP entwickelt und ab 2011 von der COICA im gesamten Amazonasbecken unterstützt – um dem offiziellen REDD+-Prozess etwas entgegenzusetzen.

RIA übernimmt und teilt das Ziel von REDD+, die Emissionen aus der Entwaldung zu reduzieren. Die Verfechter von RIA argumentieren allerdings, dass REDD+ sich nicht auf die bloße Einrichtung eines Marktes für den gewinnorientierten Handel mit Emissionszertifikaten reduzieren kann und darf. Gleichzeitig beinhaltet RIA die Durchsetzung der Rechte aus der UN-Erklärung zu den Rechten Indigener Völker und der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO in Bezug auf interkulturelle Anpassung.

Die acht zentralen Elemente von RIA

Das Programm "REDD+ Indígena Amazónico" beruht auf acht zentralen Elementen:

1. Der nationale und lokale Entwicklungsplan. Dieser "Plan für ein gutes Leben" definiert die Rolle des REDD+-Instrumentariums für das indigene Territorium und nicht umgekehrt. Damit ist RIA ein Plan, der über den Aspekt der CO2-Reduzierung und den Klimaschutz hinausgeht, ein Plan, in dem die Selbstbestimmung der Völker die zentrale Grundlage ist.

2. Territoriale Sicherheit als Bedingung. Die Titulierung der Gebiete mit kollektiven Rechtstiteln für die Gemeinschaften, die eine Kontrolle über den Boden, den Untergrund, die Wälder und die Gewässer bedeutet, ist eine Hauptbedingung für lokale REDD+-Projekte. Sie gehört zu den early safeguards, den grundlegenden Garantien, und dient als Indikator für den Fortschritt oder Nichtfortschritt von REDD+.

3. Ganzheitliche Bewirtschaftung der Wälder. Die ganzheitliche Waldbewirtschaftung soll die zurzeit noch getrennten Prozesse zur Verbesserung des Klimaschutzes und der Klimaanpassung sowie zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit zusammenführen. Die “indigene Bewirtschaftung” der Wälder beinhaltet gleichzeitig die produktive Nutzung und den Schutz dieser Wälder. Das ist wirksamer und effizienter als der reine, “museumsartige” Naturschutz. Die Reduzierung extraktivistischer Aktivitäten als Treiber der Entwaldung bedeutet Klimaschutz, hilft aber auch, klimatischen Einflüssen zu begegnen (Anpassung) und Wälder wiederherzustellen (Stärkung der Widerstandsfähigkeit). Die drei Prozesse hängen in der Realität eng zusammen, werden aber von der Politik momentan noch getrennt behandelt.

4. Ökosystemische Messungen auf Makroebene. RIA beinhaltet auch die Messung der Ökosystemfunktionen. Hierbei wird die Lebendigkeit eines Hektars an Waldland vermessen, um zu garantieren, dass dieser seine geschätzten 24 Ökosystemfunktionen erfüllt. Die Kohlenstoffbindung zählt dazu. Das Messverfahren wird auf Makro-Ebene und mit einfachen Methoden – Satellitenbilder und Beispielparzellen – durchgeführt und beinhaltet die Schätzung des gespeicherten CO2.

5. Vergütung über öffentliche Mechanismen. Die REDD+-Gelder sollen öffentlich und unter sozialer Kontrolle verwaltet werden – also weder unter privater noch staatlicher Kontrolle stehen. Die Gelder sollen von der Zivilgesellschaft und unter indigener Beteiligung kontrolliert werden, so wie es in Brasilien und in Peru bereits vorgesehen ist. Die Gemeinschaften sollten für ihren akkumulierten historischen Beitrag zu gut bewirtschafteten Wäldern finanziell ausgeglichen werden. Damit ließe sich das "Carbon-Cowboytum" vermeiden, das es beim Emissionshandel und durch die Nichtkontrolle der privaten Emissionszertifikats-Märkte gibt.

6. Die territoriale Überwachung. Ein weiteres Hauptelement von RIA ist, dass Überwachung, Berichts- und Prüfungswesen von indigenen Gemeinschaften übernommen werden. Mithilfe von Warnsystemen soll es so möglich sein, frühzeitig auf Entwaldung und Walddegradation zu reagieren, die mit neuen Palmölplantagen, illegalem Holeinschlag, industrieller Landwirtschaft, mit Megaprojekten, dem Bergbau und dem Fördern fossiler Brennstoffe sowie Straßenbau- und Siedlungsprojekten einhergehen. Die von Indigenen gewonnenen Informationen sollen RIA zufolge vom Staat respektiert und berücksichtigt werden.

7. Effektive Reduzierung der Entwaldung. RIA bestärkt die indigenen Gemeinschaften in ihrem historischen Kampf für ihre territorialen und kollektiven Rechte. Damit führt es den Widerstand gegen den Extraktivismus und den sogenannten "Fortschritt" weiter. Das Problem ist, dass die Staaten diesen Triebkräften untergeordnet sind und deshalb ihre nationalen Reduktionspläne, die "INDCs" nur vage und nicht glaubhaft formulieren. RIA steht für eine effektive Nettoreduzierung der Treibhausgasemissionen und “tauscht” sie nicht nicht per Emissionszertifikaten aus dem REDD+-Programm gegen Straffreiheit für extraktivistische Aktivitäten ein.

8. Integrierter Ansatz zur Anpassung nach den Erfahrungen der indigenen Frauen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Klimakrise verstärken und die Savannenbildung und Zerstörung der Wälder fortsetzen wird. Deshalb ist es unvermeidbar und dringend notwendig, dass sich die indigenen Völker hieran anpassen. RIA bietet einen integrierten Ansatz für Klimaschutz und Anpassung, weil sich beide gegenseitig ergänzen. Das wird auch in den INDCs anerkannt. Den staatlichen, bürokratischen Anpassungsprozessen werden Anpassungspläne auf der Grundlage von Flusseinzugsgebieten gegenübergestellt, die von den indigenen Gemeinschaften, vor allem den indigenen Frauen, entwickelt werden.

Seit 2010 ist RIA vorangekommen, was die Beachtung des Programms und seine Daseinsberechtigung als Anpassungsvorschlag für REDD+ betrifft. RIA ist inzwischen Bestandteil nationaler REDD+-Pläne und der Klimawandel-Fonds in Peru. Auch die Umsetzung des Programms in indigenen Gebieten in Peru (Reserva Comunal Amarakaire), Kolumbien (Resguardo Inirida) und Brasilien (Territorio Igaraé Lourdes) schreitet voran.

Auf der COP 21 in Paris sollten nun ehrgeizige Ziele zur Reduzierung der Treibhausgase beschlossen werden, um den planetaren Selbstmord zu stoppen. In diesem Rahmen sind die Beiträge der indigenen Völker und ihrer mehr als 240 Millionen Hektar großen Territorien sowie die aus RIA stammenden Vorschläge für die INDCs, für SIS und für den Grünen Klimafonds von globaler Bedeutung.

Der Autor

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Thomas Brose, Agraringenieur und Entwicklungspolitologe, ist in Brasilien aufgewachsen und hat als Entwicklungshelfer des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) dreieinhalb Jahre in einer Kleinbauerngewerkschaft im Nordosten Brasiliens gearbeitet. Seit 2000 arbeitet er beim Klima-Bündnis, dem größten europäischen Städtenetzwerk, und koordiniert die Kooperation mit der Dachorganisation der indigenen Völker Amazoniens COICA. Seit 2007 ist Brose mitverantwortlich für die Geschäftsführung.