Debatte, 18. Dezember 2015

"Die Wahrheit ist ziemlich brutal"

Unsere Fortbewegung macht einen riesigen Anteil der Treibhausgas-Emissionen aus. Der Paris-Vertrag regelt den Verkehr aber überhaupt nicht. Ohne Verkehrswende bleibt der Klimaschutz erfolglos.

Von Andreas Knie, Verkehrsforscher

Bis zum Jahr 2050 soll die Menschheit "emissionsneutral" leben. So steht es im neuen Weltklimavertrag. Aber das dürfte kaum zu schaffen sein – schlichtweg, weil der bedeutendste Sektor einfach nicht betrachtet wurde.

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Allein unser Umgang mit dem Auto ist eine Katastrophe für das Klima, wir haben zu viele Fahrzeuge und eine erdrückende Infrastruktur – alles auf Basis von fossilen Rohstoffen. (Foto: Lynac/Flickr)

Der Verkehr wird nach Berechnungen des Berliner Mobilitätsforschungszentrums Innoz, gestützt auf Analysen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung PIK und des Umweltbundesamtes, im Jahr 2020 für rund die Hälfte der Treibhausgasemissionen verantwortlich sein. Ganz abgesehen davon, dass er auch noch Stickoxide und Partikel hervorbringt, die für die menschliche Gesundheit in Ballungsräumen bereits jetzt eine große Gefährdung darstellen. Vom Lärm und dem gigantischen Flächenverbrauch unserer Verkehrsinfrastruktur ganz zu schweigen.

Die Wahrheit ist also ziemlich brutal. Beim Strom und sogar bei der Wärme werden wir den Wandel zu regenerativen Erzeugungsformen trotz immenser Widerstände schaffen. Beim Verkehr aber nicht.

Jedenfalls sind die Zahlen, Daten und Fakten zur Mobilität im Mutterland der Energiewende katastrophal. Während wir unseren Strom immerhin zu mehr als 30 Prozent erneuerbar produzieren, fahren wir immer noch zu 95 Prozent fossil betrieben umher – und die Tendenz ist sogar steigend. Da aber dieser Sektor mehr als 40 Prozent des Energiemarktes ausmacht, Strom ist da nur eine Randerscheinung, kommen wir mit der Energiewende ohne Veränderungen im Verkehr nicht voran.

Das eigene Auto als Freiheits- und Wohlstandsversprechen

Warum ist das so? Das Problem ist schnell benannt: In nahezu allen Staaten der Welt wurde das Versprechen auf Bewegungsfreiheit und Reichtum über viele Jahrzehnte mit dem Auto gleichgesetzt. Autos galten in der Volkswirtschaft lange Zeit als Wohlstandsindikatoren, je mehr zugelassene Fahrzeuge pro Kopf, umso wohlhabender die Volkswirtschaft. Das Auto entwickelte sich tatsächlich zum sprichwörtlich liebsten Kind gerade der Deutschen. Zurzeit haben wir fast 45 Millionen zugelassene Personenkraftwagen – bei 81 Millionen Einwohnern!

Die Politik tat aber auch alles dafür, dass es so viele wurden. Die Städte wurden für den Autoverkehr im wahrsten Sinne des Wortes zugerichtet, die Steuergesetzgebung und auch die Straßenverkehrsordnung mussten für die freie Fahrt der freien Bürger ausgerichtet werden. Und wir haben alle mitgemacht.

Europa und Nordamerika haben diesen Entwicklungsweg maßgeblich definiert und – hier nur am Rande erwähnt – dafür gesorgt, dass die Versorgung mit dem dafür notwendigen Rohstoff Öl gerade aus dem Nahen Osten immer unter Kontrolle blieb. Das Ergebnis ist bis heute eine permanente Destabilisierung der dortigen politischen Verhältnisse.

Die "Säkularisierung des Goldenen Kalbs"

Das Problem im Verkehr und die Barrieren für eine wirksame Klimastrategie sind damit konkret beschrieben: Wir haben zu viele Fahrzeuge mit einer Infrastruktur auf fossiler Basis. Gibt es Hoffnung? Wird nicht vor allen Dingen in den Metropolen von einem Wandel berichtet?

Private Autos waren noch bis in die 1990er Jahre tatsächlich exklusiv. Man musste das Fahrzeug kaufen, hegen und pflegen, um es ganz für sich jederzeit nutzen zu können. Jetzt stehen Autos überall und an jeder Ecke, ob in der Stadt oder auf dem Land. In Deutschland haben wir jedenfalls in den Städten deutlich viel zu viel vom Gleichen. Autos sind wie Gas, Wasser, Strom zu einer Art Bedarfsware geworden. Sie sind einfach da. Überall und zu jeder Zeit verfügbar. Das sorgt seit einigen Jahren dafür, dass wir von einer "Säkularisierung des Goldenen Kalbs" sprechen.

Der Wandel zu anderen Nutzungsformen ist bereits erkennbar. In Berlin beispielsweise braucht man in den Innenstadtbezirken keine fünf Minuten warten, bis irgendein Carsharing Auto um die Ecke biegt. Die gemeinschaftliche Nutzung von Autos wird zu einer sichtbaren, sozialen Praxis. Ebenfalls mit dem bloßen Auge ist zu erkennen: der Fahrradverkehr hat sich drastisch vermehrt. Immer mehr Menschen nutzen auch in kühleren Jahreszeiten dieses klimafreundliche Verkehrsgerät. Der Anteil des Fahrrads an den täglichen Wegen hat sich in Berlin in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Immer mehr Menschen kombinieren die Verkehrsmittel, je nach Optionen und Wünschen. In den deutschen Großstädten hat heute bereits die Mehrzahl der Bevölkerung kein "Hauptverkehrsmittel" mehr, sondern ist "multimodal" unterwegs, also mal mit dem Auto, aber auch mit Bussen, Bahnen und eben mit dem Fahrrad oder auch zu Fuß. Aber reicht das? In Berlin gibt es 5.000 Carsharing-Autos. Gemessen an den 1,4 Millionen zugelassenen Fahrzeugen allein in der Hauptstadt ist das nicht wirklich viel.

Autofixierung steckt noch in Gesetzen und Gewohnheiten

Ein Problem liegt darin, wo wir Deutschen bevorzugt leben, nämlich in der Agglomeration. Also nicht mehr richtig Land, nicht mehr richtig Stadt – sondern der uns allen bekannte "Siedlungsbrei" mit lockerer Bebauung, etwas Grün und viel Straßeninfrastruktur. Diese "Zersiedelung" wurde nur möglich, weil uns das Auto das Versprechen auf Freiheit und Wohlstand tatsächlich auch einlöste. Die Familie konnte sich ein eigenes Häuschen mit Garten leisten, weil man mit dem Auto auch die Stadt und alles, was man zum Leben braucht, gut erreicht.

Dieser Lebensstil lässt sich nicht über Nacht umkehren und in die Stadt können heute nur die zurück, die sich dort auch Wohnungen oder Häuser leisten können. Wir haben das "Autoversprechen" so stark in Gesetzen, Routinen und Gewohnheiten "fixiert", das ein einfacher Wechsel des "Anbieters" – um mal eine Analogie aus der Stromwirtschaft zu zitieren – hier keine Lösung bietet.

Unter diesen Vorzeichen ist daher die Elektrifizierung des Antriebsstranges ein erster Schritt zu einer Verkehrswende. Wenn der Strom regenerativ erzeugt ist, sind E-Autos ein wirksamer Beitrag zur Senkung des Kohlendioxid-Ausstoßes und zu Reduzierung der Lärmemissionen. E-Fahrzeuge genießen eine hohe Wertschätzung, fahren sehr gut und bedienen zumindest einen großen Teil der erlernten Routinen.

Bisher vergeblich gesucht: ein Politikwechsel

Aber das reicht natürlich nicht. Der einfache Austausch des Aggregats hilft nicht beim Flächenverbrauch und macht auch den Verkehr in der Stadt nicht effizienter. Wir brauchen die intelligente Nutzung der Fahrzeuge. Warum muss jeder ein eigenes Auto besitzen? Wenn es doch genügend Geräte gibt, kann man diese auch sinnvoll teilen. Heute geht das. Und wer teilt, der kombiniert auch Autos mit Bussen und Bahnen. Das elektrische Fahrzeug verführt einen regelrecht zu einem umweltschonenden Verhalten.

Der Knackpunkt ist und bleibt aber: Damit wir unseren Lebensstil wirksam wandeln, braucht es einen Politikwechsel. Strenge Abgasvorschriften, drastische Reduzierung der CO2-Standards, eine Parkraumbewirtschaftung mit Vorteilen für geteilte Autos. Der Paris-Vertrag liefert dafür keinen Rahmen.

Was sich für einige noch anhört wie die Folterwerkzeuge einer Ökodiktatur, ist eigentlich nur die logische Fortsetzung der Moderne, die längst überfällig ist und uns erscheinen lässt wie nörgelnde Debattenredner bei einer Tagung von Stummfilmproduzenten am Vorabend der Einführung des Tonfilms. Manche Veränderungen kommen und sind dann nicht mehr wegzudenken. Dass man in Bussen, Bahnen oder Restaurants früher rauchte, kann heute auch keiner mehr glauben.

Der Autor

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Andreas Knie ist Professor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Hochschullehrer an der TU Berlin. Seine Felder sind die Wissenschafts-, Technik- und Mobilitätsforschung. Seit 2001 ist Knie Bereichsleiter für Intermodale Angebote und Geschäftsentwicklung der Deutschen Bahn AG und seit 2006 in der Geschäftsführung des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (Innoz)