News, 09. April 2015

Weltklimavertrag reicht nur für ein Drei-Grad-Ziel

Countdown für Paris: In acht Monaten soll die Staatengemeinschaft ein globales Klimaabkommen beschließen. Forscher warnen, dass die bisher eingereichten Selbstverpflichtungen bestenfalls dafür ausreichen, die Erderwärmung auf drei bis vier Grad zu begrenzen.

Von Susanne Götze und Eva Mahnke

Vor fünf Jahren einigten sich die Staatenvertreter auf der Klimakonferenz in Mexiko, alles zu unternehmen, damit die Erderwärmung bis 2100 nicht über zwei Grad Celsius steigt. Damit war das "Zwei-Grad-Ziel" geboren. Es ist bis heute die Grundlage aller Anstrengungen für einen Weltklimavertrag. Zwar wissen das alle Staatenvertreter, dennoch reichen die bisherigen Anstrengungen bei weitem nicht aus, wie Forscher nun errechnet haben.

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Die Welt versinkt im Meer: Mahnende Plakatkampagne von Greenpeace während der Klimakonferenz in Mexiko 2010. (Foto: Prometeo Lucero/Greenpeace)

"Mit den bisher verkündeten Beiträgen kann kaum mehr als ein Drei-Grad-Ziel erreicht werden, auch vier Grad Erwärmung sind noch möglich", meint der Wissenschaftler Johannes Gütschow vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). "Bei einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur von vier Grad werden wir die Folgen in Form von Extremwetterereignissen und beispiellosen Veränderungen von Ökosystemen sehr wahrscheinlich stark zu spüren bekommen", warnt der Wissenschaftler und "Climate Action Tracker". Er verfolgt für seine Kollegen vom PIK und anderen Klimainstituten jeden Verhandlungsschritt bis nach Paris. Um das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen, müssten die bislang eingereichten Beiträge der Länder verbessert oder der Löwenanteil nach 2030 eingespart werden. 

Zurzeit ist jeder Staat, "der dazu in der Lage ist", aufgerufen, der Weltgemeinschaft mitzuteilen, inwieweit er seine Emissionen senken wird. Hierfür reichen die Staaten beim UN-Klimasekretariat in Bonn ihre Selbstverpflichtungen ein – die sogenannten Intended Nationally Determined Contribuations, kurz INDCs. Erste Deadline für die Länder war der 31. März. "Weltweit sind durch die bisher abgegebenen Selbstverpflichtungen nun 27 Prozent der Emissionen und rund 16 Prozent der Weltbevölkerung abgedeckt", erläutert Gütschow. Neben den USA und Russland haben bisher die Schweiz, Norwegen, Mexiko, Gabun und die EU ihre Beiträge eingeschickt

Indien wird zum Zünglein an der Zwei-Grad-Waage

Die Hoffnungen des "Verhandlungs-Trackers" Gütschow liegen nun auf den Selbstverpflichtungen der Schwellenländer: "Die großen Industrieländer wie die EU und die USA haben ihre kurzfristigen Ziele schon lange festgelegt – spannend wird es nun bei Ländern wie Indien, die sich das erste Mal mit eigenen Klimaschutz-Zielen beteiligen", sagt Gütschow. Gefreut habe er sich über die historische Erklärung der USA und Chinas, die sich im November vergangenen Jahres gemeinsam für mehr Klimaschutz aussprachen.

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Bei drei bis vier Grad globalem Temperaturanstieg ist das Klima nicht mehr zu beherrschen, sind sich Klimaforscher sicher. (Foto: Matthias Rietschel)

Hingegen sei die Selbstverpflichtung von Russland enttäuschend, so Gütschow. Das Land bringe angesichts des wirtschaftlichen Zusammenbruchs Anfang der 1990er Jahre keine zusätzlichen Emissionseinsparungen mit in die Verhandlungen. Stattdessen erlaube das vermeintliche Reduktionsziel Russland einen tatsächlichen Anstieg der aktuellen Emissionen um über 30 Prozent bis 2030.

Was du heute kannst besorgen ...

Alles, was die Staaten nun in den kommenden Verhandlungen für 2030 festschreiben, entscheidet über die weiteren Emissionspfade. Je weniger heute eingespart wird, desto teuerer kommt es die Weltgemeinschaft morgen – so die Botschaft des PIK: Es gehe nicht nur darum, die Emissionen bis 2030 zu reduzieren, sondern auch die Weichen für Emissionsminderungen nach 2030 zu stellen. Wenn heute noch neue Kohlekraftwerke gebaut würden, sei es auch auf lange Sicht schwierig, Emissionen zu reduzieren. "Unsere Abschätzungen zeigen, dass die Kosten des Zwei-Grad-Ziels mit jedem Jahr des Zögerns bei den konkreten Klimaschutzmaßnahmen massiv ansteigen", sagt Klimaforscher Gunnar Luderer vom PIK. "Je weniger wir bis 2030 reduzieren, umso größere Einschnitte müssen dann in den Jahren danach erbracht werden", so der Wissenschaftler. 

Derzeit bewegt sich der globale Treibhausgas-Ausstoß auf 55 Gigatonnen CO2-Äquivalent im Jahr 2020 zu. 2014 ist das erste Jahr, in dem die Emissionen im Energiesektor stagnierten – die Gründe dafür könnten aber auch bei den milden Temperaturen liegen. Die Internationale Energieagentur IEA sieht darin allerdings schon den Beginn der "Entkopplung von Wachstum und Treibhausgas-Ausstoß".

Die PIK-Forscher haben errechnet, dass zum Erreichen des Zwei-Grad-Ziels die Emissionen schon 2020 auf 45 Gigatonnen begrenzt werden müssten. Langfristig muss gar eine Reduktion der Emissionen auf fast Null erreicht werden, um das Klima zu stabilisieren.

Klimaziele: Vertrauen statt Sanktionen

Wenn es im Dezember in Paris zu einem Weltklimavertrag kommt, wird dieser allerdings nicht rechtlich verbindlich sein. Dennoch geht PIK-Forscher Luderer davon aus, dass die Staaten sich an ihre Vorgaben weitgehend halten: "Dabei geht es nicht nur um einen Gesichtsverlust auf der internationalen Bühne, sondern auch um ganz eigene Interessen wie die Minderung der Luftverschmutzung oder eine geringere Abhängigkeit von Energieimporten, aber auch um die wirtschaftlichen Chancen, die mit einer Vorreiterrolle bei der Entwicklung von klimafreundlichen Technologien einhergehen."

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Politiker der Malediven warnen seit Jahren, dass sie selbst mit dem Zwei-Grad-Ziel viele ihrer Atolle nicht vor dem Meeresspiegelanstieg retten können. (Foto: President's Office Maledives)

Sanktionen gegen "Vertragsbrecher" hält der Wissenschaftler hingegen für unwahrscheinlich: "Hierzu fehlt bisher der rechtliche Rahmen." Zudem zeichnet sich ab, dass sich die Vertragsstaaten weitgehend an ihre – wenn auch nicht besonders ambitionierten – Zielsetzungen für 2020 halten werden.