News, 22. April 2015

Wissenschaftler warnen vor sechs Grad mehr bis 2100

17 renommierte Klimawissenschaftler richten einen dramatischen Appell an die Weltöffentlichkeit: In einem "Earth Statement" warnen sie vor einer um sechs Grad gestiegenen Oberflächentemperatur am Ende des Jahrhunderts. Das UN-Klimasekretariat legt am heutigen "Earth Day" eine Bilanz seiner Städte-Initiative Nazca vor.

Von Nick Reimer und Jörg Staude

Eine Gruppe hochrangiger Wissenschaftler hat am heutigen Mittwoch davor gewarnt, dass die Erderwärmung außer Kontrolle gerät. Werde jetzt nicht gehandelt, gebe es ein "Eins-zu-zehn-Risiko", dass die Erderwärmung am Ende des Jahrhunderts sechs Grad Celsius überschreitet", schreiben die Wissenschaftler der Gruppe Earth League mit Sitz in London. Dann sei es egal, ob die Menschen Klimaschutz betreiben würden. Wegen der sogenannten Kipp-Elemente würde sich die Erdatmosphäre von ganz allein weiter aufheizen.

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Rio de Janeiro gehört zu den 400 Städten, die der Nazca-Initiative beigetreten sind. (Foto: Jens Hausherr/Wikimedia Commons)

"Das Zeitfenster, um dies aufzuhalten, ist noch offen, aber nicht mehr lange", schreiben die Wissenschaftler. Um den Klimawandel für die Menschheit beherrschbar zu machen, müsse die Erderwärmung auf zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter beschränkt werden. Bis 2050 müsse dafür die Produktion von Treibhausgasen auf Null sinken. 

"Wir befinden uns auf einem Pfad, der die Erde unwiderruflich verändern und das Zwei-Grad-Limit weit überschreiten würde", erklärte Johan Rockström vom Stockholm Resilience Center. Rockström ist Vorsitzender der "Earth League" und Mitunterzeichner des ungewöhnlich dramatisch formulierten Appells. "Damit riskieren wir eine Katastrophe für die Menschheit mit einem unbeherrschbaren Anstieg des Meeresspiegels, Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen", erklärte der Schwede.

Für die Wissenschaftler ist 2015 deshalb ein entscheidendes Jahr: Sie appellieren an die Politik, auf dem Klimagipfel in Paris ein bindendes Vertragswerk für dieses Ziel zu verabschieden. Zu den 17 unterzeichnenden Wissenschaftlern zählen Jennifer Morgan, Mario Molina, Jeffrey Sachs, Leena Srivastava und die Deutschen Hans Joachim Schellnhuber und Ottmar Edenhofer.

Earth Day am 22. April

Das der Aufruf heute kommt, kommt nicht von ungefähr: Weltweit wird der Earth Day begangen, ein Umweltaktionstag, der seinen Ursprung in der US-amerikanischen Studentenbewegung hat. Aus diesem Anlass teilte das UN-Klimasekretariat mit, dass mittlerweile weitere 500 Initiativen die sogenannte Non-State Actor Zone für Climate Action (Nazca) verstärkt haben, seitdem diese während des Weltgipfels in Lima gestartet worden war. Insgesamt zählt Nazca bereits mehr als 1.500 einzelne Vorhaben.

Von Amsterdam bis Rio de Janeiro und Yokohama – die Mitglieder kümmern sich um Energieeffizienz, den Ausbau der Erneuerbaren bis hin zu grüner Beschaffung. Die Städte, darauf weist das UN-Klimasekretariat hin, verantworteten etwa 70 Prozent der energiebedingten Emissionen. Ihre Aktivitäten entscheiden deswegen mit über das Erreichen der Klimaziele, die die Regierungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verfolgen.

So will die US-Stadt Boston beispielsweise ihre Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um 80 Prozent gegenüber 1990 verringern, vor allem durch Gebäudesanierung, den Einsatz erneuerbarer Energien und einen besseren Umgang mit Abfällen und gesundheitsschädlichen Industrieemissionen. Die indonesische Hauptstadt Jakarta hat zugesagt, ihren CO2-Ausstoß von 2005 bis 2030 um 30 Prozent zu reduzieren. Dazu sollen bessere Baustandards, eine energieffiziente Beleuchtung samt solarstromgespeister Straßenlampen sowie die Nutzung von Deponiegasen dienen.

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Sechs Grad mehr und das Wasser wird vielen bis zum Hals stehen: Protestaktion von Klimaschützern. (Foto: 350.org)

"Die Staaten wollen im Dezember in Paris ein globales Klimaschutzabkommen unterzeichen – und die Städte helfen mit ihren Aktionen den Regierungen, die Ambitionen hochzuschrauben", erklärte UN-Klimachefin Christiana Figueres. Dies sei ein Katalysator, "um sich ehrgeizigere Ziele als bisher für eine gesündere und sichere Welt zu setzen."

In Deutschland fand der Earth Day allerdings kaum Beachtung.

Mehr Hintergrund

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Das sind die Mitglieder der "Earth League"

Vorsitzender: Johan Rockström, Stockholm Resilience Center, Schweden

Geschäftsführerin: María Máñez Costa, Climate Service Center 2.0, Deutschland


Guy P. Brasseur, Max-Planck-Institut für Meteorologie, Deutschland

Ottmar Edenhofer, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change, Deutschland

Brian Hoskins, Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment, Imperial College London, Großbritannien

Pavel Kabat, Internationales Institut für angewandte Systemanalyse, Österreich

Pamela Matson, School of Earth Science, Stanford University, USA

Mario J. Molina, Centro Mario Molina, Mexiko

Jennifer Morgan, World Resources Institute, USA

Nebojša Nakićenović, Internationales Institut für angewandte Systemanalyse und Technische Universität Wien, Österreich

Carlos Nobre, Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais (INPE), Brasilien

Veerabhadran Ramanathan, Scripps Institution of Oceanography, USA

Hans Joachim Schellnhuber, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Deutschland

Peter Schlosser, Earth Institute, Columbia University, USA

Youba Sokona, The South Center, Schweiz

Leena Srivastava, TERI University, Indien

Nicholas Stern, Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment, London School of Economics and Political Science, Großbritannien

Xu Guanhua, Chinesische Akademie der Wissenschaften, China
 

Das fordern die Wissenschaftler:

  • den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen
  • die künfitgen CO2-Emissionen unter 1.000 Gigatonnen zu halten
  • bis 2050 eine CO2-neutrale Gesellschaft zu schaffen
  • dem Prinzip der Gleichheit zu folgen: die reicheren Länder sollen den ärmeren helfen
  • die technologische Forschung und Innovation zu fördern
  • eine globale Strategie zu entwickeln, um mit den Schäden und Verlusten durch den Klimawandel umzugehen
  • CO2 speichernde Ökosysteme wie Wälder und Ozeane zu schützen
  • Geld für Klimamaßnahmen in Entwicklungsländern bereitszustellen