News, 26. Mai 2015

Edenhofer entwickelt Klimaschutz mit sozialem Antlitz

Die Staats- und Regierungschefs der G7 wollen in zwei Wochen im bayerischen Elmau über die Klimakrise sprechen. Der Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung Ottmar Edenhofer empfiehlt den Staaten eine sozial abgewogene Kohlenstoff-Bepreisung.

 Aus Berlin Jörg Staude

Globaler Klimaschutz wird mehr und mehr zu einer Geldfrage. 100 Milliarden US-Dollar wollen die Industrieländer ab 2020 jährlich in die ärmeren Länder transferieren, um Klimaanpassung und Emissionsreduktion zu finanzieren. "Kommt darüber spätestens in Paris keine Einigung zustande, wird es kein neues globales Klimaabkommen geben", warnte Ottmar Edenhofer, Chef-Ökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) kürzlich in Berlin.

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Will die Weltgemeinschaft das Zwei-Grad-Ziel schaffen, müssen 89 Prozent der verbleibenden Kohlereserven und auch das meiste Öl und Gas im Boden bleiben. (Foto: Nick Reimer)

100 Milliarden sind kein Pappenstiel. Edenhofer hat sich dazu auch eine Argumentation zurechtgelegt und nachgedacht, wie sich ein heutiger, meist klammer Finanzminister noch frisches Geld besorgen könnte. Neue Staatsschulden fallen wegen der Schuldenkrise und den diversen Schuldenbremsen weitgehend weg. Höheren Kapital- und Arbeitssteuern setze der globale Wettbewerb enge Grenzen, meinte Edenhofer, "Eigentlich bleibt nur eine Kohlendioxid-Steuer" als neu erschließbare und verlässliche Einnahmequelle für die Staaten.

"Mit einer Kohlendioxid-Bepreisung lassen sich neue Investitionen tätigen, namentlich in den Klimaschutz, sowie auch die Staatsschulden abbauen", warb Edenhofer. Die Finanzchefs der Länder hätten also einen doppelten Nutzen. Aus Sicht des PIK-Chefökonomen müsste aber zunächst einmal ein Kohlendioxid-Preis von Null erreicht werden, indem die exorbitanten Subventionen für die fossilen Energieträger wegfallen. Die beziffert der Ökonom gegenwärtig auf 548 Milliarden Dollar jährlich. 

Nach der Umsetzbarkeit der Steuer befragt, räumte Edenhofer ein, dass viele Finanzminister noch in eine "Schockstarre" verfielen, wenn es um eine Kohlendioxid-Bepreisung geht. "Spricht man aber einzeln und direkt mit den Ministern, trifft man da schon auf Interesse", meinte er. Bei der CO2-Steuer und dem Subventionswegfall scheinen aber auch die Klimaökonomen dazugelernt zu haben. Edenhofer wies ausdrücklich darauf hin, dass gerade geringverdienende oder gar arme Haushalte einen überproportionalen Anteil ihres Einkommens für Lebensnotwendiges wie Ernährung, Energie und Mobilität ausgeben.

Neue Kombi: CO2-Steuer und Einkommenssteuerreform

2013 wendete, besagt die Statistik, ein Vier-Personen-Durchschnittshaushalt in Deutschland sieben Prozent seines Einkommen für Energie und etwas über zwei Prozent für Strom auf. Ein als arm geltender Haushalt (weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens) musste für Energie schon mehr als zwölf Prozent und für Strom vier Prozent seines Einkommens ausgeben – im Vergleich zu den Normalhaushalten also etwa ein Drittel mehr.

"Der Abbau der Subventionen muss deswegen so gestaltet werden, dass er sich positiv für die ärmeren Haushalte auswirkt", erklärt der PIK-Chefökonom und hält inzwischen die Kombination der Kohlenstoff-Bepreisung mit einer Einkommenssteuerreform für notwendig – jedenfalls für die entwickelten Industrieländer. In vielen Entwicklungsländern allerdings ist die Bevölkerung so arm, dass eine Reform der Einkommensteuer keinen Klimaschutz mit sozialem Antlitz bewirkt. Dort sollten die Kohlendioxid-Steuereinnahmen denn auch besser in Gemeingüter gesteckt werden, so Edenhofer, vor allem in Wasserversorgung, Sanitär, Strom und Telekommunikation.

"Negative Emissionen" seien notwendig

Angesichts der schleppenden Klimaverhandlungen hielt es Edenhofer auch für angebracht, für das Festhalten am Zwei-Grad-Ziel zu plädieren. "Egal, ob Zwei- oder Drei-Grad-Ziel – man wird künftig dabei nicht um das Erreichen von 'negativen Emissionen' herumkommen", so Edenhofer. Bei sogenannten negativen Emissionen wird auf verschiedene Weise versucht, das emittierte CO2 wieder aus der Atmosphäre "herauszuholen".

Das Kohlendioxid lässt sich dabei laut Edenhofer nicht nur mit der BECCS-Technologie – Biomasse-Anbau, anschließende Verstromung und Verpressung des Kohlendioxids im Boden – aus der Atmosphäre holen. Möglich seien unter anderem auch Aufforstung, Ozean-Kalkung oder die direkte CO2-Abscheidung aus der Luft

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Edenhofer pädiert für eine sozial ausgewogene Kohlendioxid-Steuer und die Nutzung von "negativen Emissionen". (Foto: Stephan Roehl/HBS/Flickr)

Insgesamt beziffert Edenhofer das globale Potenzial an "negativen Emissionen" auf 700 bis 1300 Gigatonnen, davon seien aber nur 178 bis 453 Gigatonnen der BECCS-Technologie  zuzurechnen. Er riet allerdings dazu, diese Zahlen mit großer Vorsicht zu betrachten. Diese seien noch nicht wirklich "belastbar".

Der Druck, die "negativen Emissionen" zu nutzen, scheint dabei von vielen Seiten zu kommen. Laut den Zahlen von Edenhofer müssten ohne BECCS und andere Maßnahmen künftig 89 Prozent der Kohlereserven, 63 Prozent der Öl- und 64 Prozent der Gas-Reserven im Boden bleiben, mit "negativen Emissionen" seien es jeweils nur 70, 35 und 32 Prozent. Der deutliche Unterschied wird gerade bei den Öl- und Gaskonzernen mit Interesse gesehen werden.

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Prof. Dr. Ottmar Edenhofer ist Lehrstuhlinhaber für die Ökonomie des Klimawandels an der Technischen Universität Berlin und einer der Vorsitzenden der Arbeitsgruppe III des Weltklimarates IPCC, dem 2007 der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Er ist stellvertretender Direktor und Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und leitet gegenwärtig den Forschungsbereich III – Nachhaltige Lösungsstrategien, dessen Forschung sich auf die Ökonomie der Klimastabilisierung konzentriert. 2012 wurde er zum Direktor des von der Stiftung Mercator und dem PIK im gleichen Jahr gemeinsam gegründeten Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin ernannt.

Frankreichs Staatspräsident François Hollande hatte auf dem Klima-Sondergipfel von UNO in New York im September zur "Revolution" aufgerufen und eine weltweite Steuer auf Kohlendioxid gefordert.

"73 Staaten haben sich für eine weltweite Kohlendioxid-Steuer ausgesprochen und wir unterstützen das auch", erklärte Weltbank-Chef Jim Yong Kim auf diesem Gipfel.