News, 01. Juni 2015

Ölmultis bieten dem Klima Verhandlungen an

Tag eins der Klimakonferenz in Bonn: Es kommt selten vor, dass Firmen darum bitten, stärker besteuert zu werden. Doch genau das haben nun sechs Energiekonzerne getan: Sie bieten der UNO an, bei der Einführung eines Preises für Kohlendioxid-Emissionen mitzuhelfen.

Aus Bonn Susanne Schwarz, aus Chiang Mai Christian Mihatsch

In Bonn hat am Montag die Frühjahrstagung der UN-Klimadiplomaten begonnen. "Ich bin Optimistin und ich glaube, das sind die meisten auf dem Verhandlungsparkett auch", sagte Ilze Pruse, Chefin der lettischen Delegation in Bonn. "Wir wollen hier das Klimawandelproblem lösen", so Pruse, die wegen der derzeitigen lettischen EU-Ratspräsidentschaft auch für die Europäische Union spricht. Man könne den menschengemachten Klimawandel mittlerweile in jedem Land spüren, das schaffe gute Voraussetzungen für die Verhandlungen.

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Sieht in dem Brief der Energiekonzerne "ein Zeichen": Eine optimistische UN-Klimachefin Christiana Figueres am Montag in Bonn. (Foto: Susanne Schwarz)

Zu spüren bekommen haben den menschengemachten Klimawandel offenbar auch die Chefs sechs europäischer Energiekonzerne. Sie schrieben der obersten Klimadiplomatin der Vereinten Nationen Christiana Figueres einen Brief, der klimaretter.info vorliegt. In diesem Brief bitten sie um "einen direkten Dialog mit der UNO und willigen Regierungen". Die sechs Konzerne sind Shell (Niederlande), BP (Großbritannien), Total (Frankreich), Statoil (Norwegen), Eni (Italien) und BG (Großbritannien).

Die sechs Multis haben ein konkretes Anliegen: "Wir haben großes Interesse an der Schaffung eines funktionierenden Ansatzes, um Kohlendioxid-Emissionen mit einem Preis zu versehen, und können dazu wichtige Beiträge liefern", heißt es in dem Brief. Ein solcher Preis würde natürlich die Kosten der Unternehmen erhöhen, etwa indem Kohlendioxid-Emissionen besteuert oder wie in Europa gehandelt werden. Gleichzeitig würde ein Kohlendioxid-Preis aber auch für gleiche Wettbewerbsbedingungen sorgen und mehr Klarheit für Investitionen schaffen, sagen die Multis.

Aus Sicht von Alix Mazounie vom Climate Action Network Frankreich ist der Brief der Konzernlenker denn auch ein Zeichen: "Sie haben Panik." Die Firmen geben mit ihrem Schriftstück zu, dass sie nicht mehr wissen, wo sie wie viel investieren sollen. Grund dafür ist die Diskussion über eine Kohlenstoff-Blase. Wenn die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll, müssen rund 80 Prozent der bekannten Kohle-, Öl- und Gasvorkommen im Boden bleiben, wie die Umweltorganisation Carbon Tracker ausgerechnet hat.

Die sechs Konzerne fördern viel Gas und wenig Kohle

Das Problem: Diese Reserven sind in den Aktienkursen der Energiemultis eingepreist. Wenn die Länder nun eine wirksame Klimapolitik vereinbaren, könnten diese Reserven und die Förderanlagen wertlos werden. Die Blase platzt. Dabei geht es um große Summen: Die Energiemultis investieren pro Jahr knapp 1.000 Milliarden US-Dollar (rund 900 Milliarden Euro), schätzt die Internationale Energieagentur IEA. Wenn die Investitionen mehrerer Jahre abgeschrieben werden müssen, dann könnte das Weltfinanzsystem ins Wanken kommen.

Aus diesem Grund haben die Bank of England und die G20-Staaten bereits Studien zur Kohlendioxid-Blase in Auftrag gegeben. Und auch die deutsche Bundesregierung plant eine solche Studie, um zu klären, "ob Risiken aus dem Engagement in fossile Energieträger richtig bewertet sind und inwieweit hieraus Finanzstabilitätsrisiken resultieren".

Der Wunsch der sechs Konzerne nach einem Kohlendioxidpreis ist aber nicht ganz selbstlos. Die Energieriesen verweisen in ihrem Brief auch darauf, dass mit einem Wechsel von Kohle zu Gas bei der Stromerzeugung große Mengen an Kohlendioxid-Emissionen eingespart werden könnten. Davon würden aber genau diese sechs Konzerne profitieren, da sie viel Gas und wenig Kohle fördern. Außerdem würde etwas Druck aus der Kohlendioxid-Blase abgelassen – auf Kosten der Kohleproduzenten.

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Die Ölmultis handeln natürlich nicht uneigennützig, wenn sie einen Preis für Kohlendioxidemissionen fordern, schließlich sind es Aktiengesellschaften. (Foto:
Arne Hückelmann/Wikimedia Commons)

"Es ist ein Zeichen, dass gerade jetzt auch die Energiekonzerne sich in die Debatte einklinken wollen", sagte Christiana Figueres in Bonn. Klimaschützer zeigen sich indes weniger beeindruckt. "Dass sie ihr Geschäftsmodell überdenken, meinen die Konzerne mit ihrem Brief bestimmt nicht", meint Jan Kowalzig, Klimaexperte bei der Entwicklungsorganisation Oxfam. Die Ölkonzerne "wollen einfach mit an den Verhandlungstisch und die Debatte um ihre Geschäftsgrundlage nicht den Politikern und Diplomaten überlassen", sagt er. Um dann aber doch noch einen optimistischen Aspekt zum Konferenzauftakt zu finden: "Der Brief zeigt immerhin, dass Big Oil sich bedroht fühlt."

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