News, 03. Juni 2015

Landnutzung: Die ignorierte Klimagefahr

Tag drei der Klimakonferenz in Bonn: Japan kündigt als letztes Industrieland seine Klimaziele an. Auf den ersten Blick sehen sie ganz gut aus, entpuppen sich aber als enttäuschend. Weil klare Regeln fehlen, laden die Selbstverpflichtungen die Staaten ein, zu tricksen, wo es nur geht. Nirgends gilt das so sehr wie bei der Landnutzung. Ausgerechnet die EU steht hier gar nicht gut da.

Aus Bonn Susanne Schwarz und Benjamin von Brackel

Japan ist derzeit im Klimaschutz so was wie das schwarze Schaf unter den Industrieländern. Alle G7-Länder haben längst ihre Treibhausgas-Reduktionsziele beim UN-Klimasekretariat hinterlegt – nur das asiatische Land ließ auf sich warten. Jetzt hat Japans Ministerpräsident Shinzo Abe die Klimaziele für sein Land angekündigt: Bis 2030 will Japan 26 Prozent seines Treibhausgas-Ausstoßes reduzieren. "Das ist ein ambitioniertes Ziel, das keineswegs minderwertiger ist im Vergleich zu anderen Staaten der Welt", sagte Abe während eines Regierungstreffens zum Klimaschutz in Tokio laut der Nachrichtenagentur Kyodo.

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Auf der Tagesordnung der Klima-Vorbereitungskonferenz in Bonn steht auch das brisante Thema Landnutzungsänderungen. (Foto: Susanne Schwarz)

Der Haken an der Sache: Das Ziel bezieht sich auf das Referenzjahr 2013. Bezogen auf das international übliche Jahr 1990 bedeutet das eine CO2-Reduktion von lediglich 18 Prozent. Angesichts dieser Mogelpackung reagieren Umweltverbände auf der Frühjahrskonferenz der Klimadiplomaten in Bonn entsprechend enttäuscht. "Das Ziel ist viel zu schwach", sagt Lutz Weischer von Germanwatch. "Japan kann es ohne zusätzliche Anstrengungen erreichen."

Nach der Atomkatastrophe in Fukushima hatte Japan alle seine Atomkraftwerke abgeschaltet und in der Folgezeit vor allem auf Energieimporte gesetzt. Inzwischen schaltet das Land die ersten Atomkraftwerke wieder an, statt auf eine Energiewende zu setzen. "Japans Erneuerbaren-Ziele sind eher Begrenzungsziele", urteilt Weischer.

Nicht viel besser sieht es allerdings in Kanada, Australien und Russland aus. Zwar haben diese Länder ihre Klimaziele bereits beim UN-Klimasekretariat hinterlegt. Doch mit dem relativ ambitionierten EU-Ziel können sie nicht mithalten.

Laut Beschluss der UN-Klimakonferenz im vergangenen Dezember in Lima haben die Staaten bis zum 1. Oktober Zeit, ihre Einsparziele zu melden. Bisher haben 37 Länder – inklusive der 28 EU-Staaten – ihre Ziele ans Klimasekretariat gemeldet, darunter auch Russland, Norwegen und die Schweiz. Zu einer solchen Meldung gehören nicht nur die Ziele an sich, sondern auch die Rahmenbedingungen in den Ländern. Anzugeben ist etwa, wie das Ziel ins nationale Recht eingepasst werden soll und warum das Ziel für den Staat einen gerechten Anteil am globalen Klimaschutz darstellt.

"Bei der Landnutzung kann am meisten getrickst werden"

Die Standards und Regeln für die Klimaziele sind aber keineswegs immer klar. Die Schlupflöcher bieten den Staaten die Möglichkeit, unliebsame Themen auszusparen. Ein besonders brisantes Thema sind Landnutzungsänderungen, also zum Beispiel die Umwandlung natürlicher Lebensräume in Ackerland. "Bei den Landnutzungsänderungen gibt es den größten Graubereich", sagt Weischer. "Dort kann am meisten getrickst werden."

Laut dem fünften Weltklimabericht aus dem Jahr 2013 lagen die jährlichen Emissionen aus Landnutzungsänderungen in den Jahren 2002 bis 2011 weltweit bei durchschnittlich 900 Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Doch trotz des enormen Klimaschadens weigern sich die meisten Staaten, das in ihre Klimabilanzen einzurechnen. Mehrere UN-Klimakonferenzen scheiterten an der Aufgabe, ein Referenzszenario zu finden, ab welchem Jahr eine Fläche festgelegt wird, die Länder weiterhin umwandeln dürfen.

Eine auf der Klimakonferenz in Bonn vorgestellte Studie der US-amerikanischen Union of Concerned Scientists beklagt deshalb: Teils sei es anhand der eingereichten Selbstverpflichtungen, der sogenannten INDCs, unmöglich zu sagen, ob die Anstrengungen eines Landes angemessen und fair sind – weil sie einfach zu unkonkret seien. So haben sowohl die USA als auch die EU in ihren Selbstverpflichtungen die Landnutzungsänderungen mehr oder weniger ausgespart.

Schon ein Teilverzicht auf Rindfleisch brächte viel

Die EU etwa habe eigentlich längst erkannt, wie wichtig die Landnutzung für den Klimaschutz sei, heißt es in dem Bericht der "besorgten Wissenschaftler". Der Staatenbund erwähnt in seinen INDCs auch die Notwendigkeit, lässt aber aus, was er unternehmen will – bis "technische Bedingungen es erlauben". Unverständlich, finden die Wissenschaftler. Erstens, weil die nötigen technischen Bedingungen nicht weiter erläutert werden. Zweitens habe der wissenschaftliche Dienst der EU, das Joint Research Centre, längst Maßnahmen vorgeschlagen. Zum Beispiel: 28 Prozent der Emissionen aus der Landwirtschaft können durch geringfügige Ernährungsumstellungen – weg vom Rindfleisch – eingespart werden.

Innerhalb der EU gibt es einen Streit über die Frage, ob die Landnutzungsänderungen in die Klimaziele integriert werden sollen oder nicht. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus. Während sich Deutschland für eine strenge Auslegung ausspricht, bremsen andere Länder wie Polen.

Bei den USA sei die Lage ähnlich, so die Studie. Die Vereinigten Staaten würden in ihren INDCs zwar ausführlich erklären, wie sie etwaige eingesparte oder verursachte Emissionen durch Änderungen in der Landnutzung für ihr Klimaziel anrechnen würden – wie es zu den Änderungen kommen soll, bleibe aber unerwähnt. "Die USA und die EU bereiten mit ihren INDCs Grund zur Sorge", sagt der Ökologe Doug Boucher, Ko-Autor der Studie.

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Mexiko will offen mit dem Problem der Brandrodung im Land umgehen. (Foto: Jami Dwyer/Wikimedia Commons)

Wie es anders geht, zeigt Mexiko. Das Land habe ausführlich Maßnahmen aufgelistet, lobt Studienautor Boucher: Bis 2030 wolle das Schwellenland zum Beispiel die Waldabholzung vollständig stoppen, für mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft sorgen und geschädigte Ökosysteme wiederherstellen. "Die Mexikaner sind – zumindest in Sachen Landnutzung – bei den INDCs die eigentlichen Vorreiter."

 

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