News, 04. Juni 2015

Von der Lücke zur Drei-Grad-Welt

Tag vier der Klimakonferenz in Bonn: "Emissionslücke" nennen die Fachleute den Unterschied zwischen den Klimazielen der Staaten und dem, was für das Zwei-Grad-Ziel an Treibhausgas-Reduktion eigentlich nötig wäre. Besonders weit klafft die "Lücke" bei Kanada. So weit, dass die Klimadiplomaten im Plenarsaal sogar einmal Klartext reden.

Aus Bonn Benjamin von Brackel

Klimadiplomaten befinden sich oft in einer wahren Zwangslage: Sie wissen, dass die Regierung ihres Landes die Hausaufgaben nicht erledigt hat, trotzdem müssen sie sich als Klimavorreiter verkaufen. Am Mittwoch musste die Repräsentantin Kanadas vor den Diplomaten aus aller Welt die selbst gesetzten Klimaziele ihres Landes, die sogenannten INDCs, verteidigen.

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Australien (links außen) hat seine Ziele noch gar nicht gemeldet. (Foto: Benjamin von Brackel)

Und so sprach sie im Saal "New York" vom Ausbau der Ökoenergien und von Kanadas siebtem Platz im Weltvergleich der installierten Leistung von Windkraftwerken, sie sprach von schärferen Emissionsstandards im Verkehr und einem kommenden Verbot von Kohlekraftwerken, die nicht mit CCS-Technologie ausgerüstet sind. 1,8 Milliarden Dollar habe ihr Land schon in CCS investiert, prahlte sie.

In einem kleinen Raum in einem anderen Winkel des Bonner World Conference Center fand nahezu zeitgleich der Abgleich mit der Realität statt. Vertreter mehrerer Klimaforschungsinstitute stellten ihren Emissions Gap Report vor. Die Botschaft: Die Klimaziele der Industriestaaten reichen nicht aus, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Und, noch schlimmer: Selbst diese ungenügenden Ziele würden die Staaten mit ihren derzeitigen Politikinstrumenten weit verfehlen. "Es gibt noch immer eine große Lücke, die überbrückt werden muss", sagt Marcia Rocha vom Berliner Institut Climate Analytics.

Am weitesten klafft diese Lücke bei Kanada. Dessen Selbstverpflichtung ordnet der Bericht der Klima-Forschungsinstitute als "nicht ausreichend" ein. "Die Emissionen werden sich weiter erhöhen", sagt Niklas Höhne, Leiter des New Climate Institute in Köln. Und zwar um nicht weniger als 35 Prozent bis 2030 gegenüber 1990. Höhne fordert, dass Kanada seinen Vorschlag noch einmal nachbessert – vor oder während des UN-Klimagipfels in Paris. "Das ist absolut notwendig."

Nimmt man die Selbstverpflichtungen aller G7-Länder als alleinigen Maßstab, würde sich die Welt auf einen Temperaturpfad von über drei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts begeben, sagt Höhne. Die Emissionslücke für das Jahr 2020 liege bei 6,5 Gigatonnen CO2 pro Jahr – also 6,5 Milliarden Tonnen. Erst im Jahr 2030 gebe es mit den derzeitigen Politikansätzen eine Stabilisierung der Emissionen, so der Bericht. "Mit den derzeitigen Zielen haben die G7-Länder erst ein Drittel des Weges erreicht", sagt der Professor an der Universität Wageningen in den Niederlanden.

Selbst die EU kommt de facto nur auf höchstens 35 Prozent

Auch wenn die Industrieländer wegen ihrer historischen Rolle und ihren finanziellen wie technischen Möglichkeiten, Klimaschutz zu betreiben, eine besondere Verantwortung im Klimaschutz haben, so stehen ihre Emissionen nur noch für rund 30 Prozent des globalen Treibhausgasausstoßes. Nimmt man alle bisherigen Selbstverpflichtungen inklusive der Ankündigung Chinas als Grundlage, bewege sich die Welt auf einen Temperatursteigerung von 3,1 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu, sagt Höhne. Allerdings haben Länder mit einem hohen CO2-Ausstoß wie Indien ihre Klimaziele noch gar nicht angekündigt. "Im globalen Trend liegen wir bei 3,9 Grad."

Unter den G7-Ländern stehen die USA und die EU noch am besten da. Allerdings erreicht die EU laut dem Emissions Gap Report mit ihren derzeitigen Politikansätzen bis 2030 nur eine Reduktion der Emissionen um 23 bis 35 Prozent, deutlich abweichend vom Ziel der 40 Prozent.

Die Klimainstitute Climate Analytics, Ecofys, New Climate Institute und das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung fordern, dass angesichts der Emissionslücke spätestens fünf Jahre nach einem Pariser Abkommen noch einmal nachgesteuert werden müsse.

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Weil Kanada als Referenzjahr nicht 1990, sondern 2005 wählt, bedeutet das 30-Prozent-Ziel des Landes aufs Jahr
heruntergerechnet nur 1,7 Prozent Minderung. Bei den Zielen von EU und USA sind es jährlich 2,8 Prozent. (Foto: Benjamin von Brackel)

Länder wie Kanada müssten allerdings ihre Klimapolitik schon in diesem Jahr neu justieren. Bei der Vorstellung der Klimaziele in Bonn gab es im Plenarsaal unter den Klimadiplomaten zumindest einmal Klartext: Der brasilianische Repräsentant kritisierte die kanadischen INDCs als intransparent und ungenau in der Frage, in welchen Bereichen denn CO2-Emissionen eingespart werden sollen. Er wolle seine "größte Beunruhigung" ausdrücken, sagte er. Für einen Klimadiplomaten ist das der Gipfel an Kritik.

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