News, 10. Juni 2015

"Ein 1,5-Grad-Ziel ist im Interesse aller"

Tag acht der Klimakonferenz in Bonn: Kurz von dem Finale der Vorverhandlungen erhöhen die Entwicklungsländer den Druck. Geht es um finanzielle Entschädigungen und das 1,5-Grad-Ziel, weichen die reichen Staaten aus, so der Vorwurf.

Aus Bonn Susanne Götze

Endlich ist mal was los! Das mag sich manch einer sagen, als am Mittwochvormittag um zehn die Gruppe Youth Climate Action im Foyer des World Conference Center Bonn unter den kritischen Blicken der Sicherheitsleute ihre Aktion aufbaut. Bald bildet sich ein Halbkreis von Neugierigen um die jungen Klimaaktivisten, die auf Plakaten stumm in die Menge fragen: "Glaubst du immer noch, dass das 2-Grad-Ziel ausreicht?"

Bild
Aktion mit Aha-Effekt: Die Klimajugend macht auf die Gefahren durch den Klimawandel und zu niedrige CO2-Minderungsziele aufmerksam. (Foto: Susanne Götze)

Dann springt ein sogenannter "Negotiator Tracker" – das sind jene Aktivisten, die jeden Verhandlungsschritt kritisch verfolgen – in die Mitte des Kreises: "Heute vergeben wir die Namen für die nächsten Naturkatastrophen, wer hat einen Vorschlag?" Da lassen sich einige Zuschauer nicht lange bitten und nach zehn Minuten ist die Namensliste für die kommenden Tornados und Wirbelstürme fertig: David Cameron, Wladimir Putin, G7 oder auch Tony Abbott.

Was die Jugendvertreter verbildlichen, wird zum Thema des vorletzten Verhandlungstages: Die ärmsten und vom Klimawandel am stärksten betroffenen Länder fordern immer eindringlicher einen Wechsel der internationalen Klimapolitik vom Zwei-Grad-Ziel zum 1,5-Grad-Ziel. "Durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse wissen wir, dass die Bevölkerung von fast 100 Ländern akut bedroht ist, wenn wir auf zwei Grad zusteuern", erklärt Giza Gaspar-Martins, der Vorsitzende der Gruppe der Least Developed Countries (LDC), der am wenigsten entwickelten Staaten. Der Angolaner spricht hier für viele kleine Inselstaaten im Pazifik, afrikanische und asiatische Länder und Staaten in Mittel- und Südamerika. "Mit dem Zwei-Grad-Ziel nehmen wir hin, dass das Überleben von Millionen Menschen gefährdet ist."

Zwei-Grad-Ziel soll 2015 überprüft werden

Alle Staaten hatten auf dem Klimagipfel 2010 in Cancún beschlossen, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre nicht über 450 ppm ansteigen zu lassen. Dazu darf der Ausstoß ab 2020 nicht mehr zunehmen, sondern muss sinken. Damals in Mexiko wurde auch vereinbart, in diesem Jahr noch einmal zu überprüfen, ob dafür nicht vielleicht doch ein 1,5-Grad-Ziel nötig ist.

Viele Experten halten zwar schon das Zwei-Grad-Ziel für so ehrgeizig, dass weitergehende Maßnahmen wegen der dann zur Debatte stehenden Konsumbeschränkungen im globalen Norden als nicht durchsetzbar gelten. Dennoch wird seit Längerem darüber gestritten, ob die Begrenzung der globalen Erwärmung auf zwei Grad ausreicht. "Bereits jetzt haben wir in Afrika eine Temperaturerhöhung von 0,8 Grad und schon heute sterben viele Menschen oder verlieren ihre Lebensgrundlage", sagt Gaspar-Martins. Selbst eine Verdopplung der aktuellen Erwärmung würde noch viele Opfer fordern, so der angolanische Delegierte. Deshalb seien 1,5 Grad das Maximum.

Bild
Der Angolaner Giza Gaspar-Martins (Mitte) glaubt, dass am 1,5-Grad-Ziel kein Weg vorbei führt. (Foto: Katrin Henneberger)

Dass die LDCs zwei Tage nach den Beschlüssen des G7-Gipfels nochmals ihre Forderung unterstreichen, ist kein Zufall. Die Staatschefs der G7 hatten sich in ihrer am Montag im bayerischen Elmau veröffentlichten Abschlusserklärung für das Zwei-Grad-Ziel und für eine Dekarbonisierung der Wirtschaft bis zum Ende des Jahrhunderts ausgesprochen. "Das finden wir auch gut, aber wir können uns nicht mehr als 1,5 Grad leisten, das ist in unser aller Interesse", unterstreicht der gambische Umweltminister Pa Ousman Jarju.

Ob die 100 Länder des Südens für ihre Forderung auch die Verhandlungen blockieren würden? "Wir blockieren nicht, wir leisten konstruktive Arbeit", antwortet Gaspar-Martins auf die Frage von klimaretter.info. "Wir haben neue wissenschaftliche Erkenntnisse, danach muss sich die Weltgemeinschaft richten."

"Davon wollen die Industrieländer nichts hören"

Direkt an die Frage des Minderungsziels schließt das Problem von "Loss and Damage" – der klimabedingten Verluste und Schäden – an. Denn je schwächer die globalen Reduktionsziele für Treibhausgase ausfallen, umso mehr werden gerade arme Länder unter den Folgen der Klimaveränderungen leiden. Und so bestehen die LDCs darauf, dass die Industrieländer über Entschädigungen für diese Verluste und Schäden separat verhandeln.

Die Angst der Delegierten des globalen Südens ist dabei, dass ihre Forderungen auf finanzielle Wiedergutmachung bei Naturkatastrophen oder Dürren mit dem Verhandlungsstrang "Adaptation" – Anpassung an den Klimawandel – vermischt werden könnten. Sie wollen ihre finanziellen Forderungen lieber sauber auseinanderhalten, denn "die Prävention einer Katastrophe hat nichts mit den Aufräumarbeiten zu tun, wenn sie schon eingetreten ist", argumentiert Gaspar-Martins.

Der Kameruner Augustine Njamnshi von der Pan African Climate Justice Alliance meint am Nachmittag frustriert: "Sie haben die Verhandlungen um den Loss-and-Damage-Text in den kleinsten Raum verfrachtet, den sie finden konnten – das sagt alles." Die Industrieländer würden nichts von dem Problem hören wollen. Es werde wenig beachtet, da es vor allem jene Menschen auf der Welt betreffe, die keine Stimme hätten, sagt Njamnshi. "Diese Menschen bezahlen jeden Tag für das, was wir angerichtet haben."

Bild
Die vom Klimawandel besonders bedrohten Länder wollen ein 1,5-Grad-Ziel – ihren Regierungen genügt vielleicht auch eine Gegenleistung der Industriestaaten. (Foto: Katrin Henneberger)

Ein senegalesischer Delegierter formuliert den schwelenden Konflikt gegenüber klimaretter.info etwas vorsichtiger: Man verhandele darüber, wie weiter verhandelt werde.

Am Schluss entscheidet das Fundament, ob das Vertragsgebäude von Paris wirklich solide gebaut wird. Spätestens morgen, am letzten Tag der Bonner Verhandlungen, soll – so sagt es jedenfalls der Bonner Buschfunk – ein neuer Vertragsentwurf auf dem Tisch liegen.

 

Mehr lesen

Mehr Verständnis vom Verhandeln gefragt

Bild

Bonn: "Der Fortschritt ist eine Schnecke" – Diplomaten ringen in unzähligen Sessions darum, wie weiter verhandelt werden soll. Um Inhalte geht es dabei kaum. [mehr...]

Klimavertrag: Optionen mit Optionen

Bild

Verhandlungstext: Punkt 7 im dritten Paragrafen verdeutlicht, warum sich die einzelnen Vertragsparteien an ihren Formulierungen festbeißen. Und weil es sehr viele solcher Punkte gibt, wird der Vertragstext einfach nicht schlanker. [mehr...]