News, 09. Juni 2015

Mehr Verständnis vom Verhandeln gefragt

Tag sieben der Klimakonferenz in Bonn: "Der Fortschritt ist eine Schnecke" – Diplomaten ringen in unzähligen Sessions darum, wie weiter verhandelt werden soll. Um Inhalte geht es dabei kaum. Wissenschaftler warnen am Rande der Konferenz vor den Kipp-Effekten, wenn der Minimalkonsens von zwei Grad Erwärmung überschritten wird.

Aus Bonn Susanne Götze und Nick Reimer

Die Klimadiplomaten sind auf ihrer Frühjahrskonferenz in Bonn angetreten, um aus dem Verhandlungstext ein Vertragswerk zu formulieren – und werden scheitern. "Der Text von Genf bleibt unangetastet", erklärte ein Delegierter aus Tansania gegenüber klimaretter.info. Der Text von Genf ist jenes 90-seitige Konvolut, über das seit Beginn der Bonner Klimakonferenz in vielen verschiedenen Runden diskutiert wird. Und eigentlich gekürzt werden soll. Aber speziell die Entwicklungsländer lehnen das ab.

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Ordnung herstellen im Bonner Verhandlungsalltag: Vertreter der Länderdelegationen teilen sich auf die unterschiedlichen Sessions auf. (Foto: Susanne Götze)

"Dahinter steckt die Angst, dass ihre in den Text hineinverhandelten Positionen wieder rausgestrichen werden", erklärte ein Delegationsmitglied der Europäischen Union klimaretter.info. Klar sei, dass dieser Klammertext in seiner jetzigen Form mit den vielen Optionen nicht als Verhandlungsgrundlage für die politischen Entscheidungsträger tauge. Im Hintergrund wird deshalb an einem neuen Vertragstext gearbeitet. "Die Hoffnung ist, dass die Staaten mit Bedenken den dann besser finden als den Text aus Genf", sagt Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam. Das Kalkül: das strikte Festhalten am Genf-Text aufzuweichen.

Zusätzliche Verhandlungszeit eingeplant

"Der Fortschritt ist eine Schnecke", versucht das EU-Delegationsmitglied zu erläutern. In Bonn gehe es darum, "Verständnis für den Prozess" zu schaffen. Zwar wollten die Vorsitzenden des ADP-Verhandlungsstranges – der US-Amerikaner Daniel Reifsnyder und der Algerier Ahmed Djoghlaf – noch in dieser Woche einen neuen Vertragstext ins Plenum einbringen. Der EU-Vertreter glaubt aber, dass es einen für das Paris-Abkommen wirklich brauchbaren Verhandlungstext erst auf der nächsten Klimakonferenz Anfang September geben wird. Dann reist der Tross der Klimadiplomaten noch einmal in Bonn an.

Frankreichs Außenminister Laurent Fabius hat sogar noch eine zusätzliche Ministerkonferenz für Ende Juni einberufen. Auch für die Bonner September-Session wurden vorsichtshalber schon ein paar Tage mehr eingeplant. Ob eine Verlängerung der Vorgespräche wirklich hilft, die richtigen Formulierungen zu finden, weiß hier niemand. Diplomatie brauche seine Zeit, meint aber Verhandlungsexperte Sven Harmeling von Germanwatch gegenüber klimaretter.info. Alles hänge nun davon ab, ob die Verhandlungsführer sich dazu hinreißen ließen, die notwendigen Kürzungen und Vereinfachungen durchzudrücken – auf die Gefahr hin, sich Ärger mit einzelnen Delegationen einzuhandeln. "Es würde schon viel helfen, wenn verschiedene Optionen einfach zusammengefasst werden", meint Harmeling.

Kampf um fleischlose Formulierungen

Auch wenn sich sichtbar nichts am Text bewegt, geht die Detailarbeit weiter. Wie lang der Text gerade ist, lässt sich schwer sagen, da in verschiedenen Arbeitsgruppen über einzelne Paragrafen des Dokuments diskutiert wird. Beispielsweise wurde heute eine Vorlage für das nächste Ministertreffen zum Punkt E "Adaptation and Loss and Damage" vereinbart – also zur Klimaanpassung und zu Verlusten und Schäden durch den Klimawandel. Vergleicht man diesen neuen Teil mit dem Originaltext, gibt es immerhin weniger eckige Klammern – das heißt ungeklärte Optionen – allerdings bleibt der Text noch immer schwammig. Unter den einzelnen Forderungen stehen Hinweise, dass noch entsprechende Ziele – also konkrete Zahlen – ergänzt werden müssen. Da sich erstmal alles um Formulierungen und kaum etwas um konkrete Zahlen und Verpflichtungen dreht, ist der Stand der Verhandlungen auch für Insider schwer abzuschätzen.

Während die Diplomaten in unzähligen Sessions über Fomulierungen streiten, mahnen Wissenschafter am Rande der Konferenz vor den Folgen eines verfehlten Klimaschutzes. Einstimmig erklären das Max-Planck-Institut, das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung und die Universität der Vereinten Nationen UNU, dass die Begrenzung der durchschnittlichen Erderwärmung auf zwei Grad ein Minimalkonsens sein sollte – denn alles darüber hinaus trete Klimaeffekte los, die nicht mehr zu kontrollieren seien. "Schon heute sind Menschen tagtäglich von den Folgen des Klimawandels betroffen: Sie verlieren ihre Lebensgrundlagen durch Dürren oder müssen vor Extremwetter-Ereignissen fliehen", erklärt Koko Warner von der UNU. Es müsse deshalb auch dringend an der internationalen Migrationspolitik gearbeitet werden.

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In Arbeitsgruppen stimmen die Diplomaten in Absprache mit ihren Regierungen über die neuen Textentwürfe ab, bevor diese auf die Ministerebene kommen. (Foto: Susanne Götze)

Eine weitere Botschaft der Wissenschaft: Die globalen Eismassen schmelzen und werden Kipp-Effekte auslösen. Betroffen sind Permafrostböden, die Westantarktis sowie Grönland und die südliche Arktis. Max-Planck-Forscher Dirk Notz zeigt dem Bonner Publikum in einer Präsentation zwei rotierende Welten, unter ihnen laufen die Jahre von 2015 bis 2100: Die linke Welt wird leicht rot an den Polen, die andere Welt wird bis 2100 fast komplett rot. Die Botschaft: Das linke Bild zeigt die Erwärmung beim Zwei-Grad-Ziel, das rechte die Folgen beim "business as usual". "Wir müssen das Klimaproblem so erklären, dass es alle verstehen", meint eine Stimme aus dem Publikum. Gerade scheint es auf dem Verhandlungsparkett so, als ob auch dieses Wissen nichts nützen würde.

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