News, 18. Juni 2015

Papst: "Spirale der Selbstzerstörung"

Raus aus den fossilen Energien, ein Ende des Ex-und-Hopp-Konsumismus, mehr Verantwortung der Reichen in den Industrieländern für die Armen, die die Folgen des Raubbaus – wie den Klimawandel und die Ressourcenplünderung – am stärksten spüren. Der Papst nimmt mit Umweltenzyklika kein Blatt vor den Mund und liest der Welt die Leviten.

Aus Chiang Mai Christian Mihatsch, aus Frankfurt am Main Joachim Wille

"Füllet die Erde und macht sie euch untertan" (Genesis 1,28). Diesen Bibelsatz hat die Menschheit in den Augen von Papst Franziskus falsch verstanden. Mit seiner Enzyklika "Laudato Si" verweist Franziskus auf einen Lobgesang seines Namenspatrons Franz von Assisi. Dort ist die Erde nicht Untertan: "Unser gemeinsames Haus ist wie eine Schwester. Diese Schwester schreit auf wegen des Schadens" – des Schadens, den die Menschheit ihr zufügt. Um dieses Leid zu beenden, richtet der Papst sein Rundschreiben ausdrücklich nicht nur an die Katholiken der Welt, sondern an "jeden Menschen, der auf diesem Planeten wohnt", und lädt "zu einem neuen Dialog ein über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten".

Bild
Der Papst liest den Staatschefs der Welt die Leviten. (Foto: Koreanet/Flickr)

Dabei beruft sich Franziskus ausdrücklich auf die Wissenschaft: "Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen, dass der größte Teil der globalen Erwärmung auf die starke Konzentration von Treibhausgasen zurückzuführen ist, die vor allem aufgrund des menschlichen Handelns ausgestoßen werden." Später benennt er auch die Hauptverantwortlichen: die "Verbrennung von fossilem Kraftstoff – vor allem von Kohle, aber auch von Erdöl und, in geringerem Maße, Gas".

"Angemessener Umgang mit Ressourcen"

Raus aus den fossilen Energien, ein Ende des Ex-und-Hopp-Konsumismus, mehr Verantwortung der Reichen in den Industrieländern für die Armen, die die Folgen des Raubbaus – wie den Klimawandel und die Ressourcenplünderung – am stärksten spüren und sich kaum dagegen schützen können. Der Papst nimmt kein Blatt vor den Mund und liest der Welt die Leviten.

In der Enzyklika erlaubt sich der Papst, "allgemeine Wege zu skizzieren, die uns helfen sollen, aus der Spirale der Selbstzerstörung herauszukommen". Er mahnt einen "weltweiten Konsens" an, der "dazu führt, erneuerbare Energieformen zu entwickeln, eine höhere Energieeffizienz zu fördern, eine angemessene Verwaltung der Ressourcen aus Wald und Meer voranzutreiben und allen den Zugang zu Trinkwasser zu sichern".

Franziskus sagt aber auch klar, welche Instrumente er für ungeeignet hält: "Die Strategie des Handels mit Emissionszertifikaten kann zu einer neuen Form von Spekulation führen und würde nicht dazu beitragen, den globalen Ausstoß von umweltschädlichen Gasen zu reduzieren." Eher werde dadurch "der Überkonsum einiger Länder und Branchen gefördert".

Enttäuscht von den letzten großen Umweltgipfeln

Breiten Raum räumt die Enzyklika der internationalen Umweltpolitik ein, denn: "Auffallend ist die Schwäche der internationalen politischen Reaktion." So ist der Papst vom Rio+20 Gipfel enttäuscht, der vor drei Jahren "eine weitschweifige und unwirksame Abschlusserklärung" produziert habe. Und nicht zuletzt auf die Klimaverhandlungen ist dieser Satz gemünzt: Die "Umwelt-Gipfeltreffen der letzten Jahre haben nicht den Erwartungen entsprochen, denn aus Mangel an politischer Entscheidung haben sie keine wirklich bedeutungsvollen und wirksamen globalen Umweltvereinbarungen erreicht."

Franziskus nennt aber auch positive Beispiele wie das Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht und die Basler Konvention über gefährliche Abfälle.

Im Hinblick auf die Klimaverhandlungen unterstreicht der Papst mehrfach, dass die reichen Länder in der Pflicht sind, den ärmeren Ländern zu helfen. Für letztere sei es wichtig, "dass sie die Hilfe jener Länder einplanen können, die auf Kosten der aktuellen Verschmutzung des Planeten ein starkes Wachstum verzeichnen konnten". Dem Papst scheinen aber auch die Berechnungen des Klimaökonomen Nicholas Stern bekannt zu sein: "Die Kosten sind gering, wenn man sie mit den Risiken des Klimawandels vergleicht."

Eine gelungene Provokation

Der Papst mahnt also eine Renovierung "unseres gemeinsamen Hauses" an, das "stark beschädigt ist". Und um klarzumachen, dass es so nicht weiter gehen kann, zitiert er seinen Vor-Vorgänger Johannes Paul II.: "Wenn wir die verschiedenen Gegenden des Planeten betrachten, erkennen wir bedauerlicherweise sofort, dass die Menschheit Gottes Erwartungen enttäuscht hat."

Eine gelungene Provokation. Umweltschützer jubeln, die Politiker auch, vor allem die Grünen, die Linken. "Die scharfe Kritik des Papstes an der Unterwerfung der Politik unter die Interessen der Wirtschaft und an der Profitgier als alleinigem Maßstab wirtschaftlichen Handelns ist in jeder Hinsicht berechtigt und bemerkenswert", sagte der Fraktionschef der Linken im Bundestag Gregor Gysi. "Wir brauchen – wie er es fordert – endlich eine Politik und Wirtschaft, die das menschliche Leben in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen."

Tatsächlich darf man die Bedeutung der päpstliche Öko-Streitschrift nicht unterbewerten, auch wenn der Einfluss der katholischen Kirche gerade in den Industrieländern, auf die es beim Klima- und Umweltschutz maßgeblich ankommt, wegen des Schwunds an Gläubigen kontinuierlich abnimmt. Franziskus hebt sich positiv ab von seinem deutschen Vorgänger Benedikt. Der war natürlich auch irgendwie für die Erhaltung der Schöpfung, nur, er gab dem schon lange auf der Straße liegenden Thema halt keinen Drive.

Bild
Der Papst als Klimaschützer: Auf die Wirkung dürfen wir gespannt sein. (Foto: Koreanet/Flickr)

Der Zeitpunkt der Enzyklika ist wohl gewählt. In einem halben Jahr ist der entscheidende Pariser Klimagipfel, der ein Kyoto-Nachfolgeprotokoll beschließen soll. Da Franziskus selbst keine Kohlekraftwerke abschalten kann, kommt es darauf an, wie seine Mahnung bei den maßgeblichen Politikern und Konzernchefs wirkt. Wenn diese sich als Christen fühlen und nicht als Anhänger des ökonomischen Nach-mir-die-Sinflut-Kults, nützt sie vielleicht was. Man wird sie an ihren Taten messen können.

Mehr lesen

Klimaverhandlungen: Kann der Papst die Debatte verändern?

Bild

Papst Franziskus hat Wichtiges zu den Klimaverhandlungen zu sagen. In seiner Enzyklika rufen Religion und Wissenschaft gemeinsam zum Kampf gegen den Klimawandel auf. Ein Debattenbeitrag von Angela Anderson, Union of Concerned Scientists [mehr...]

 

Mehr Hintergrund

"Laudato Si" Die Umweltenzyklika des Papstes in deutscher Übersetzung