News, 01. Juli 2015

"Chinas Ankündigung ist ein historischer Schritt"

China hat sein nationales Klimaschutzziel vermeldet und damit seine jahrelange Blockadehaltung beendet. Was die Ziele wirklich wert sind, muss sich noch erweisen.

Interview mit Jost Wübbeke, Mercator Institute for China Studies

 
klimadiplomatie.de: Herr Wübbeke, China hat seine Klimaziele beim UN-Klimasekretariat eingereicht. Wie bewerten Sie die Ziele?

Jost Wübbeke: Das ist ein historischer Schritt. China hat das erste Mal ein international verbindliches Ziel vorgeschlagen. Das ist ein bemerkenswerter Umbruch in der chinesischen Klimapolitik, denn China gibt seine Blockadehaltung auf. Im Gegensatz zu Japan und Indien, auf denen nun der Druck lastet, sich zu bewegen.

China will "spätestens" 2030 seine Spitze beim CO2-Ausstoß erreichen – was bedeutet das?

Es ist gut, dass sich China über einen zeitnahen Höhepunkt seiner Emissionen Gedanken macht. Mit der Aussage, diesen Höhepunkt für 2030 anzustreben, lässt China aber viel zu viele Fragen offen – etwa, wie hoch der "Peak" sein wird. Da China nur von CO2-Intensität spricht – also dem CO2-Ausstoß im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt – können die Emissionen je nach Wirtschaftswachstum sehr stark ansteigen.

Außerdem sind sehr unterschiedliche Szenarien nach Erreichen des Höhepunktes möglich: Die Emissionen könnten rasch absinken, aber es könnte ebenso gut ein lang anhaltendes Plateau auf hohem CO2-Niveau geben. Es wäre wünschenswert gewesen, dass China schon deutlich vor 2030 einen Maximalwert anstrebt, etwa 2025, und den Emissionspfad nach dem Höhepunkt konkretisiert. Die Bestrebungen für das Jahr 2030 reichen jedenfalls keineswegs aus, um das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. Da müsste China deutlich mehr bieten.

China gibt an, 60 bis 65 Prozent der CO2-Emissionen bis 2030 gegenüber 2005 einsparen zu wollen – gemessen am Bruttoinlandsprodukt. 2014 konnte das Land schon ein Minus von 34 Prozent vorweisen. Nichtsdestotrotz stiegen in der Zeit die Kohlendioxid-Emissionen kräftig an. Ist diese Vergleichsgröße nicht komplett sinnlos?

Das Intensitätsziel ist ernstgemeint und kann durchaus positive Effekte für Chinas Klimapolitik haben. Leider legt sich China aber nicht auf ein absolutes Emissionsziel fest. Deswegen ist dieser Beitrag zu den Klimaverhandlungen nur von begrenztem Wert. Zwar wird das chinesische Wirtschaftswachstum in den nächsten Jahren geringer ausfallen als bislang und die Emissionen werden somit auch nicht mehr so schnell ansteigen. Wenn China sich bei seiner Klimapolitik allerdings nur an diesem Intensitäts-Ziel orientiert, werden die Emissionen vor 2030 ihren Höhepunkt sehr wahrscheinlich nicht erreichen. Chinas Zielsetzung bleibt damit unter den Erwartungen.

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Ministerpräsident Li Keqiang hat nun festgelegt, wann der Ausstoß von Treibhausgasen in seinem Land den absoluten Höhepunkt erreicht haben soll. (Foto: 
Ministerio de Relaciones Exteriores del Perú/Flickr)
 

Dafür hat sich das Land einen Kohledeckel für 2020 verordnet.

Ja, das zeigt: China hat durchaus mehr Spielraum, als es international ausschöpft. Derzeit sinkt sogar der Kohleverbrauch. Die ersten Zahlen für 2015 zeigen, dass in den ersten Monaten die Kohleproduktion im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als sechs Prozent abgenommen hat. Berechnungen von Greenpeace, die allerdings noch unbestätigt sind, gehen sogar von einer Abnahme der CO2-Emissionen im Energiesektor aus. Das sollte China den Mut geben, auch international ambitioniertere Ziele auf den Tisch zu legen.

Laut der nun eingereichten Selbstverpflichtung will China im Jahr 2030 gerade mal ein Fünftel seiner Energie aus "nicht fossilen" Energiequellen decken – und das auch noch mithilfe von großen Wasserkraftwerken und Atomkraftwerken. Nicht sehr ehrgeizig, oder?

Dieses Ziel ist nicht zu unterschätzen. Bis 2020 sind 200 Gigawatt Windkraft geplant, 100 Gigawatt Photovoltaik, 58 Gigawatt Atomenergie und 350 Gigawatt Wasserkraft. Das sind beeindruckende Zahlen. China hat bereits die größte installierte Kapazität von Windkraftanlagen und wird bald Deutschland auch bei der Photovoltaik überholen. China ist also in der Klimapolitik durchaus sehr aktiv. Die schlechte Nachricht ist: Das reicht bislang nicht aus.

Um die CO2-Bilanz zu verbessern, will China bis 2050 ein Viertel der Landesfläche bewaldet haben. 2005 waren es 18 Prozent.

China sieht die Aufforstung als ein sehr wichtiges Element der Klimapolitik. Der eigentliche Impuls kommt hier aber nicht aus der Klimapolitik, sondern hat andere umweltpolitische Gründe, etwa die Begrenzung der Wüstenausbreitung. Dabei ist China durchaus erfolgreich. Inzwischen liegt die Waldfläche bei fast 23 Prozent des Territoriums.

Interview: Benjamin von Brackel

Der Interviewpartner

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Jost Wübbeke ist Klima- und Energieexperte am Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin.

Er schrieb seine Promotion an der Freien Universtität Berlin über die chinesische Rohstoffindustrie. Er war Gastforscher an der Tsinghua-Universität in Peking. Zu seinen Themenschwerpunkten bei Merics gehören Energie und Rohstoffe sowie Umwelt und Klima.

 

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