News, 06. Juli 2015

Indiens gefährliches Spiel mit den INDCs

Der drittgrößte Emittent der Welt will sich nicht festlegen, ab wann sein Treibhausgas-Ausstoß sinken wird. Umweltminister Prakash Javadekar kündigt aber "viel ambitioniertere" Klimaziele an als allgemein erwartet.

Von Verena Kern und Nick Reimer

Indien will seinen Beitrag für das Pariser Klimaabkommen "bald" bekannt geben. Das kündigte der Umweltminister des Landes, Prakash Javadekar, in Neu-Delhi an. Der Beitrag werde "viel ambitionierter" ausfallen als allgemein erwartet, sagte der Politiker, der zugleich als offzieller Sprecher der Regierungspartei BJP von Premierminister Narendra Modi fungiert. Auf einen Zeitpunkt für den "Peak" seiner Emissionen werde sich Indien aber – anders als China – nicht festlegen, stellte Javadekar klar. Man werde sich nicht "unter Druck setzen lassen". 

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Die Welt weiß, dass Indien sich entwickeln will, sagt Umweltminister Javadekar, deshalb erwartet auch niemand, dass das Land sich festlegt, ab wann seine Emissionen nicht mehr steigen. (Foto: Screenshot/ prakashjavadekar.com)

Für das Klimaabkommen, das Ende des Jahres in Paris beschlossen werden soll, sollen alle Staaten selber festlegen, wie viel sie beitragen wollen und können. Inzwischen sind beim UN-Klimasekretariat 17 dieser sogenannten Intended Nationally Determined Contributions (INDC) gemeldet worden. Zählt man die 28 Mitgliedsstaaten der EU mit ihrer gemeinsamen INDC-Meldung einzeln, liegen jetzt 45 "angestrebte nationale Beiträge" vor. Diese Länder stehen laut der europäischen Emissionsdatenbank Edgar für 56 Prozent der weltweiten Emissionen. Ihre Beiträge gemeldet haben auch bereits die beiden weltgrößten Klimagas-Verursacher China und USA. Indien als drittgrößter Emittent fehlt aber noch.

Indien leidet bereits heute sehr stark unter der Erderwärmung. Anfang Juni hatte eine extreme Hitzewelle mehr als 2.000 Menschenleben gefordert, die Temperaturen waren bis auf 47 Grad Celsius angestiegen. Die Monsunzeit, die im Süden Indiens üblicherweise Anfang Juni beginnt, hat sich in diesem Jahr deutlich verspätet.

Ein Kippmoment im Klimasystem

Der indische Sommermonsun gehört Klimawissenschaftlern zufolge zu den sogenannten Kipp-Elementen im Klimasystem. Durch eine Veränderung des Klimas sowie starke Luftverschmutzung könnte es künftig zu stark schwankenden Monsunereignissen in ganz Südasien kommen – mit Dürren oder Überflutungen als Folge. Wenn ein Kippelement "umgekippt" ist, kann dadurch ein anderes wichtiges Element des Klimasystems negativ beeinflusst werden – die Folge wäre ein beschleunigter Klimawandel.

Für Indiens Wissenschaftsminister Harsh Vardhan ist die Sache klar. Er gibt den Klimaveränderungen die Schuld an der jüngsten Dürre. Es sei "nicht einfach ein weiterer ungewöhnlich heißer Sommer – es ist der Klimawandel", meint er. Und: "Wir sollten uns nichts vormachen, indem wir sagen, es gibt keine Verbindung zwischen der ungewöhnlich hohen Zahl an Toten durch die anhaltende Hitzewelle und der Tatsache eines zum wiederholten Mal gestörten Monsuns."

Der indische Premierminister Narendra Modi lehnte bislang konkrete Emissions-Reduktionsziele seines Landes für die Klimakonferenz in Paris ab. Er bekräftigte damit den langjährigen Standpunkt Indiens: Erst müsse das aufstrebende Schwellenland in seiner Entwicklung aufholen und die Armut bekämpfen. Ohnehin hätten die Industriestaaten zunächst ihre historische Klimaschuld abzutragen und müssten auch sonst mehr Rücksicht auf die Entwicklungsländer nehmen. "Wenn man sich die ganze Welt und das Problem des Klimawandels ansieht, dann gibt es einen Teil der Welt, der eine natürliche Führerschaft in dieser Angelegenheit übernehmen kann, und das ist dieser Teil der Welt", so der Premierminister.

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Gletscher im Himalaya: Die dort gespeicherten Trinkwasservorräte sind Lebensgrundlage für mehr als eine Milliarde Menschen. Mit steigender Oberflächentemperatur geraten sie in Gefahr. (Foto: Reimer)

Gemessen am CO2-Ausstoß pro Kopf und am Lebensstil liege Indien noch meilenweit hinter den USA und Europa zurück. Das 1,3-Milliarden-Einwohner-Land ist allerdings zum drittgrößten Treibhausgasemittenten der Welt aufgestiegen. Der Anteil der Kohle am indischen Strommix liegt bei 60 Prozent – und der Ausbau der schmutzigen Kraftwerke geht ungebremst weiter. Der jüngste Regierungsplan sieht ein Plus von 110.000 Megawatt installierter Leistung bis 2022 vor. Sollte Indien in den nächsten Jahren sein derzeitiges Wirtschaftswachstum halten und weiter auf Kohle als Haupt-Energielieferant setzen, könnte sich sein CO2-Ausstoß bis 2030 verdreifachen.

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