News, 28. September 2015

INDCs: Viele Meldungen kurz vor dem "Annahmeschluss"

In den letzten zehn Tagen reichten 23 Länder ihre Beiträge für den Paris-Gipfel ein – am 1. Oktober ist Abgabeschluss. Brasilien hat als wichtiges Schwellenland einen anspruchsvollen Klimaplan vorgelegt: Die illegale Abholzung des Amazonas-Waldes soll gestoppt werden – entscheidend dafür, dass Brasilien bis 2030 bis zu 43 Prozent an Treibhausgasen einspart.

 

Von Susanne Götze

In Brasilien liegen 520 Millionen Hektar des größten Waldes der Erde: Der Amazonas-Regenwald speichert nach jüngsten Schätzungen 80 bis 120 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. In den letzten 20 Jahren hat der brasilianische Regenwald allerdings stark abgebaut; insgesamt ging eine Fläche verloren, die mehr als doppelt so groß wie Deutschland ist. Damit stirbt nicht nur eine der artenreichsten Regionen der Erde, die Waldzerstörung verursacht auch enorme Treibhausgas-Emissionen. Mit 35 Prozent haben Rodungen den größten Anteil an den brasilianischen Emissionen und liegen damit noch vor dem Energiesektor auf Platz eins.

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Leerstellen in der Weltkarte schließen sich (Grafik vergrößern): Viele Entwicklungsländer geben ihre Ziele erst in letzter Minute beim UN-Klimasekretariat ab – die Beobachter und Grafiker kommen bei dem Tempo gar nicht hinterher. (Grafik: Carbon Brief)

Deshalb will das fünftgrößte Land der Welt seine Klimaschutzziele erreichen, indem es seinen Wald schützt. Staatschefin Dilma Rousseff erklärte am Sonntag beim UN-Nachhaltigkeitsgipfel in New York, ihr Land wolle die Abholzung des Regenwaldes "deutlich verringern" und den illegalen Holzeinschlag bis 2030 sogar vollständig beenden. Bis 2030 sollen so Brasiliens Emissionen gegenüber 2005 um 43 Prozent reduziert werden, bis 2025 soll die Marke von minus 37 Prozent erreicht werden. "Wir sind eines der bevölkerungsreichsten Länder und haben eines der höchsten Bruttoinlandsprodukte der Welt, und unsere Ziele sind genauso oder sogar noch ehrgeiziger als die der entwickelten Länder", lobte sich Rousseff in New York.

Auch die legale Abholzung ist Teil des Problems

"Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht richtig", meint Roberto Maldonado, Brasilien-Experte beim WWF Deutschland. "Brasilien hat bei der Entwaldung noch Luft nach oben, und bei den Emissionen der Industrie zeichnet sich derzeit keinesfalls eine Besserung ab." Die illegale Abholzung zu stoppen sei sehr wichtig, doch mache auch die legale Abholzung für die Landwirtschaft einen großen Teil der Entwaldung aus. "Es wäre sinnvoller, die bereits degradierten Flächen von über 60 Millionen Hektar zu nutzen, statt immer neue Rodungen vorzunehmen – egal, ob legal oder illegal", meint der WWF-Experte.

Wälder wie der am Amazonas fungieren als "Kohlenstoff-Senken", das heißt, sie nehmen mehr Kohlendioxid auf, als sie abgeben. Dadurch wird der vom Menschen verursachte CO2-Anstieg in der Atmosphäre erheblich gedämpft. Laut WWF hat die brasilianische Regierung die Rodung im Amazonas-Regenwald in den letzten Jahren merklich eingedämmt. Andere Waldflächen in der Cerrado-Region in Zentralbrasilien hingegen hätten in den vergangenen Jahren mit immer mehr Entwaldung zu kämpfen.

Im August hatte die deutsche Bundesregierung Brasilien rund 550 Millionen Euro für den Ausbau erneuerbarer Energien sowie den Schutz des tropischen Regenwaldes versprochen.

Deadline für die Paris-Ziele

In den letzten zehn Tagen hat es einen regelrechten "Run" auf das INDC- Portal der Vereinten Nationen gegeben: Kurz vor Abgabeschluss am 1. Oktober haben nun auch noch schnell Bangladesch, Indonesien, Eritrea und viele weitere Entwicklungsländer ihre Ziele abgegeben. Insgesamt sind es nun 85 Staaten – inklusive der 28 EU-Länder – die ihre Klimaziele beim UN-Klimasekretariat abgegeben haben. Fast täglich kommen nun Länder hinzu; heute gaben Mauritius, Kamerun und Myanmar ab. Die meisten Nachzügler gibt es noch in Teilen Afrikas, Asiens und Südamerikas.

Sri Lankas Präsident Maithripala Sirisena warb am Wochenende auf dem New Yorker UN-Gipfel für den Klimaschutz, um die Risiken durch Umweltkatastrophen zu reduzieren. Anlass war die Verabschiedung der Nachhaltigkeitsziele, zu denen auch der Schutz des Weltklimas gehört.

Die endgültigen Kalkulationen, ob die abgegebenen nationalen Selbstverpflichtungen, die INDCs, für das globale Zwei-Grad-Ziel ausreichen, werden erst Anfang nächster Woche veröffentlicht, verriet das Potsdam-Insitut für Klimaforschung (PIK) klimaretter.info. Die PIK-Forscher analysieren im Projekt Climate Action Tracker zusammen mit dem Berliner Institut Climate Analytics, wie ambitioniert die INDCs sind, und werten in Szenarios deren Wirksamkeit für die globale Temperaturänderung aus. Schon in den Vorverhandlungen zum Weltklimagipfel in Bonn wiesen die Forscher darauf hin, dass die Klimaziele der Industriestaaten nicht ausreichen, um das Zwei-Grad-Ziel zu schaffen. Und selbst diese – zu geringen – Ziele würden die Staaten mit ihren derzeitigen Politikinstrumenten weit verfehlen.

Die bislang vorliegenden Ziele für Paris werden nicht genügen, um die globale Erwärmung auf zwei Grad oder gar auf 1,5 Grad zu begrenzen, wie es viele besonders verletzliche Staaten fordern, das meint auch Germanwatch. Hoffnung setzen Nichtregierungsorganisationen wie Germanwatch noch in einen Mechanismus zur regelmäßigen Überprüfung und Nachjustierung der Klimaziele. "Viele Regierungschefs drängen darauf, dass es alle fünf Jahre eine solche Erhöhungsrunde für die zunächst vorgelegten Minimalziele geben müsse, um die ambitionierten selbst gesteckten Langfristziele erreichen zu können", meint Christoph Bals von Germanwatch.

Die Karte des Klimaschutzes

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