News, 01. Oktober 2015

Die Welt auf dem 3,5-Grad-Pfad

Die Frist zur Abgabe der Klimaziele ist beendet. Schon jetzt ist klar: Sie reichen nicht aus, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Nicht einmal eine Handvoll Länder hat ausreichende Ziele vorgelegt, urteilen Klimaanalytiker, die mit Hochdruck an ihren Rechnern arbeiten, um die eingereichten Ziele zu bewerten.

Von Benjamin von Brackel

Kurz vor Abgabeschluss wurde es noch einmal hektisch wie in einer Schulklasse, wenn der Lehrer auf die Uhr zeigt: Bis zum 1. Oktober müssen die Länder der Erde ihre Klimaziele beim UN-Klimasekretariat in Bonn einreichen. Diese Reduktionsabsichten, die sogenannten INDCs, bilden die Grundlage für das neue Klimaabkommen, das die Welt im Dezember in Paris beschließen will. Binnen vergangener Woche reichten ganze 25 Länder ihre Selbstverpflichtung ein, darunter Brasilien, Indonesien und Südafrika. Insgesamt haben sich damit 87 Länder zum Klimaschutz verpflichtet. "Das ist ein Erfolg", sagt Niklas Höhne, Leiter des New Climate Institute in Köln.

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Viele Staaten haben ihre Selbstverpflichtungen schon eingereicht (Grafik vergrößern): Reichen wirds trotzdem nicht, um die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten. (Grafik: Carbon Brief)

Von den größten Emittenten drückt sich alleine noch Indien. Anfang der Woche bearbeitete Barack Obama seinen Amtskollegen Narendra Modi auf dessen USA-Reise – doch Indiens Premierminister ließ den US-Präsidenten abblitzen. Modi pocht darauf, dass zuerst die Industriestaaten ihre Treibhausgase senken und die Entwicklungs- und Schwellenländer zunächst die Armut bekämpfen dürfen. Ein Klimaziel will aber auch sein Land einreichen – allerdings erst einen Tag nach Ablauf der Frist. Darum habe Indien die Vereinten Nationen gebeten, sagte ein Sprecher des Außenministeriums. Denn der 2. Oktober sei der Geburtstag von Mahatma Gandhi, "einem Helden der Nachhaltigkeit".

Nachdem das Gros der Klimaziele auf dem Tisch liegt, stellt sich die Frage, ob sie ausreichen, um die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf zwei Grad zu begrenzen – eine Notwendigkeit, um das Klimasystem halbwegs stabil und den Planeten bewohnbar zu halten. Klimainstitute arbeiten diese Woche unter Hochdruck daran, die Daten in ihre Modelle einzuspeisen und den voraussichtlichen Temperaturanstieg auf der Erde auszurechnen. Die Wissenschaftler müssen die Länderprogramme nach diversen Maßnahmen durchforsten und analysieren sowie die Ziele der Länder so umrechnen, dass sie trotz der unterschiedlichen Basisjahre vergleichbar sind. Da die Ziele nur bis 2030 reichen, müssen die Forscher außerdem Annahmen über Langfristziele treffen. Am Ende steht eine Zahl: der wahrscheinliche Temperaturanstieg.

Die Klimaanalytiker von Climate Interactive aus Washington haben diesen schon berechnet, und zwar auf Grundlage der Klimaziele von 72 Ländern, die immerhin fast zwei Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantworten. Das Ergebnis: eine Erderwärmung von 3,5 Grad. Würden die Staaten überhaupt keinen Klimaschutz mehr betreiben, erreiche dieser Wert 4,5 Grad.

Unsicherheitsfaktor: Chinas Emissionen

Erst nach 2025 oder 2030 würden die CO2-Emissionen nicht mehr ansteigen, sondern sich stabilisieren, wie aus der Modellrechnung hervorgeht, die diese Woche im Fachblatt Science erschienen ist. Ein weiteres Ergebnis: Bis zum Ende des Jahrhunderts wären die Industrieländer als größte "Klimasünder" lange entthront: China, Indien und andere Entwicklungsländer würden im Jahr 2100 zusammen 80 Prozent der Treibhausgase auf sich vereinen, die USA und Europa weniger als 20 Prozent.

"Climate Interactive" ist nur eine von drei großen Gruppen, welche die Klimapolitik der Staaten im Hinblick auf die Erderwärmung bewertet. Eine andere ist der "Climate Action Tracker", der von europäischen Wissenschaftlern wie Niklas Höhne betrieben wird. Dessen Ergebnisse sollen erst am Donnerstag vorliegen, nach Ablauf der Abgabefrist für die Staaten. Anders als die "Climate Initiative" geht der "Climate Action Tracker" davon aus, dass die Emissionen Chinas sich nicht nur stabilisieren, sondern absinken. Deshalb siedelt Höhne den Anstieg der Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts etwas tiefer an: bei etwa drei Grad. "Das ist immer noch sehr weit von den notwendigen zwei Grad entfernt", sagt Höhne.

In der Pflicht sind nun vor allem Länder wie Russland und Japan, Australien und Kanada. Deren Ziele ordnen die Wissenschaftler als "nicht ausreichend" ein. Die Länder müssten deutlich mehr tun, wollten sie einen "fairen" Beitrag übernehmen, der sich etwa nach ihren historischen Emissionen, dem Pro-Kopf-Ausstoß, den CO2-Reduktionskosten und der Wirtschaftsstärke bemisst.

Nur bei zwei Staaten gibt es keine Beanstandungen

Kanadas Emissionen würden nach dem derzeitigem Stand seines Klimaplans sogar steigen – um 35 Prozent bis 2030. Im Mittelfeld rangieren die EU und die USA. Aber auch China, das wie kein anderes Land Ökoenergien ausbaut. Als "ausreichend" stuft die Gruppe nur die Ziele von zwei Staaten ein: Marokko und Äthiopien. "Das liegt daran, dass von beiden Staaten relativ wenig erwartet wird und ihre Emissionen sogar steigen dürfen", sagt Höhne, der auch Mitautor des Fünften Sachstandsberichts des Weltklimarats ist.

Einig sind sich die Klimainstitute, dass die abgegebenen Reduktionsverpflichtungen nicht ausreichen, um am Ende des Jahrhunderts den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen. Dafür darf die Konzentration der Treibhausgase 450 ppm (parts per million) nicht überschreiten, warnen die Wissenschaftler. Denn bis zu dieser Grenze sei die Erderwärmung mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit beherrschbar. Jenseits dieser Grenze aber würden sogenannte Kipp-Elemente ausgelöst, die die Erderwärmung verselbständigen.

So sind unter den dauergefrorenen Permafrostböden Sibiriens oder Nordamerikas Milliarden Kubikmeter Methan gefangen – ein rund 30-mal aggressiveres Klimagas als Kohlendioxid. Taut der Permafrost auf, ist es egal, ob der Mensch Klimaschutz betreibt oder nicht: Gegen die Dynamik eines solchen Effekts gäbe es kein Gegenmittel mehr.

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Vorverhandlungen in Bonn: Mitte Oktober trifft sich die Staatengemeinschaft erneuert, um den umfangreichen Vertragsentwurf für das Pariser Klimaabkommen weiter zu straffen. (Foto: UNFCCC)

Dieser gefährlichen Grenze nähert sich die Welt im Eiltempo: Im Mai 2013 wurden erstmals von einer Messstation mehr als 400 ppm gemessen – einen solchen Wert hatte es zwei Millionen Jahre nicht mehr gegeben. Nach dem Paris-Gipfel sollen die Staaten deshalb in regelmäßigen Abständen prüfen, ob sie ihre Ziele anziehen müssen, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Ob alle fünf oder zehn Jahre – darüber werden sie sich auf der Klimakonferenz im Dezember noch streiten.

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