News, 08. Oktober 2015

Kiribati geißelt Kohle als "größtes Problem der Menschheit"

Der vom Klimawandel bedrohte Inselsstaat fordert einen weltweiten Ausbaustopp für die Förderung von Kohle. In Lima gründet sich eine neue Staatengruppe, um Interessen zu bündeln: V20 steht für die 20 am stärksten von der Erderwärmung bedrohten Staaten.

Von Susanne Schwarz und Nick Reimer

Im Vorfeld des Weltklimagipfels in Paris hat der Staatspräsident des vom Klimawandel bedrohten Inselsstaats Kiribati, Anote Tong, einen weltweiten Ausbaustopp für Kohlegruben- und Kraftwerke gefordert. "Die Staaten der Welt müssen so schnell wie möglich die Eröffnung neuer Kohlegruben und den Ausbau alter Förderstätten verbieten", sagte der Präsident im Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit. Tong nannte die Energiegewinnung aus Kohle "das größte Problem der Menschheit", da sie die meisten Kohlendioxid-Emissionen freisetze. Wissenschaftlern zufolge müssen 80 Prozent der noch im Boden lagernden Kohlereserven dort bleiben, sollen kleine Inselstaaten wie Kiribati vor ihrem Untergang bewahrt werden.

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Anote Tong will, dass die Weltgemeinschaft neue Kohleminen verbietet. (Foto: Devra Berkowitz/UN Photo)

Kribati liegt im Pazifik etwa in der Mitte zwischen Hawaii und Australien. Der Staat besteht aus 33 Inseln, auf denen etwa 100.000 Einwohner leben. Durch den Meeresspiegelanstieg ist Kiribati stark bedroht. "Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Ohne bedeutende Gegenmaßnahmen wird Kiribati früher oder später im Ozean versinken", sagte Tong.

Deshalb ist der Präsident in die Maklerbranche eingestiegen: Ende Mai 2014 hatte Tong den größten Teil von "Natoavatu Estate" – ein Inselteil des Staatsgebiets der Fidschi-Inseln – angekauft. "Wir brauchen Ausweichmöglichkeiten, wenn unser Land wegen des Klimawandels im Meer versinkt", hatte der Präsident den umstrittenen Kauf begründet

Schon im August hatte Tong ein Moratorium für Kohlegruben vorgeschlagen – damals in einem Brief an die Staatschefs der Welt. An diesem Donnerstag haben sich  in der peruanischen Hauptstadt Lima die Finanzminister von Kiribati und 19 weitere stark von der Erderwärmung bedrohte Länder zur neuen Staatengruppe V20 zusammengeschlossen, um die gemeinsamen Interessen auf dem internationalen Verhandlungsparkett besser durchsetzen zu können.

V20 steht für "Vulnerable 20", die zwanzig am stärksten von der Erderwärmung bedrohten Staaten: Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Nepal, Osttimor, die Philippinen und Vietnam aus Süd- und Südostasien sowie die afrikanischen Staaten Äthiopien, Ghana, Kenia, Madagaskar, Ruanda und Tansania, weiterhin das mittelamerikanische Costa Rica sowie die kleinen Inselstaaten Barbados, Kiribati, Malediven, Saint Lucia, Tuvalu und Vanuatu.

Tong warnte vor "Millionen Klimaflüchtlingen", sollte der Klimawandel außer Kontrolle geraten. Erst vor zwei Wochen hatte Neuseeland einen Mann aus Kiribati abgeschoben, der Asyl beantragt hatte – weil der Klimawandel seine Heimat zerstöre. Das Problem: Laut Genfer Flüchtlingskonvention, die den völkerrechtlichen Umgang mit Flüchtlingen regelt, zählt das nicht als Fluchtgrund.

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Website Climate Vulnerable Forum