News, 20. Oktober 2015

Klimaschutz im Auftrag der Götter

UN-Klimachefin Christiana Figueres hat heute ein Positionspapier von Vertretern aller Weltreligionen erhalten: Sie mahnen, die Schöpfung zu bewahren, und warnen vor dem Klimawandel, der das Leben bedroht. Und sie unterstützen die Forderungen der Entwicklungsländer.

Aus Bonn Susanne Schwarz

Für Christiana Figueres war das mal eine ganz neue Erfahrung: Die Chefin des UN-Klimasekretariats mahnt zu mehr Engagement im Klimaschutz – und nach absehbarer Zeit wird geliefert. So gehorsame Schüler hat sie nur selten; in dem Fall ging es um die Glaubensgemeinschaften der Welt. Auf dem New Yorker Klima-Sondergipfel hatte Figueres diese aufgefordert, im Klimaschutz doch endlich aktiver zu werden, wie Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der evangelischen Hilfswerke Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenschutz, erzählt. "Wir müssten noch unsere Hausaufgaben erledigen", habe die oberste UN-Klimaschützerin gefordert.

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Cornelia Füllkrug-Weitzel, Chefin der evangelischen Hilfswerke Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenschutz, auf der Klimakonferenz in Bonn: "Wir haben bei Christiana Figueres unsere Hausaufgaben abgegeben!" (Foto: Susanne Schwarz)

Und siehe da: Abgabe erfolgte am Dienstagmittag auf der Klimakonferenz in Bonn. Füllkrug-Weitzel überreichte Figueres gemeinsam mit Mitgliedern weiterer christlicher Organisationen eine Erklärung zum nahenden Weltklimagipfel in Paris – unterzeichnet von 154 Glaubensvertretern aller Weltreligionen.

Für die Weltreligionen sei das ausnahmslos ein Thema: die "Wahrung der Schöpfung". "Wir als Religions- und Glaubensvertreter bringen unsere tiefe Besorgnis über den Klimawandel und seine Folgen für die Erde und ihre Bewohner zum Ausdruck, die nach dem Zeugnis unserer Religionen unserer gemeinsamen Sorge anvertraut sind", heißt es in der Erklärung. Der Klimawandel bedrohe Leben. "Und das Leben ist ein wertvolles Geschenk, das uns gegeben wurde und das wir schützen müssen."

"Der Klimawandel ist nicht nur ein politisches, technologisches oder wirtschaftliches Problem, sondern vor allem auch ein moralisches", sagt Martin Kopp vom Lutherischen Weltbund. Die Gläubigen fordern, den Paris-Vertrag auf Gerechtigkeit auszurichten; Gerechtigkeit gegenüber künftigen Generationen, aber auch gegenüber den Ländern des Südens, die am meisten unter den Folgen des Klimawandels leiden, obwohl sie nur wenig dazu beigetragen haben..

Für Klimaschutz in Paris und im Alltag

Mit ihren Forderungen schließen sich die Glaubensgemeinschaften vielen Entwicklungs- und Schwellenländern an. Diese fordern ein langfristiges Klimaziel auch über die Vertragslaufzeit hinaus, die eigentlich 2030 endet. Einen Mechanismus, der die Länder alle fünf Jahre ihre Klimaziele prüfen und im besten Fall erhöhen lässt. Strategien und Finanzzusagen für die Anpassung an den Klimawandel in den Ländern, die stark davon bedroht sind, aber wenig Geld haben. Das schlägt sich in der Unterschriftenliste nieder: Viele der Unterzeichner gehören Kirchen und Organisationen aus den Ländern des Südens an, es folgen die Europäer.

Zahlreiche Diplomaten aus Asien, Afrika und den kleinen Inselstaaten hatten am Montag die beiden Verhandlungschefs kritisiert. Die Ko-Vorsitzenden der zuständigen ADP-Gruppe hatten im Auftrag der Staaten den zuvor 80-seitigen Vertragstext um drei Viertel gekürzt. Und hätten dabei viel stärker die Interessen der armen als die der reichen Länder beschnitten, beschwerten sich die Verhandler. Mittlerweile hat die Ländergruppe des Südens durchgesetzt, dass einige Themen wieder Eingang in den Text finden – um 14 Seiten ist der Text damit wieder gewachsen. Etwa um Optionen für ein langfristiges Klimaziel und für die Klimafinanzierung. "Für einige Länder war der Vertragstext am Montag gar nicht mehr wiederzuerkennen", meint Liz Gallagher von der britischen Klimaschutzorganisation E3G.

"Wir glauben, dass wir den Strukturwandel hin zu einer nachhaltigen Lebensweise voranbringen können", erklärt Vitiumbiku Chinoko, Klimaexperte des internationalen christlichen Netzwerks Act Alliance. Die Hoffnung ist nicht ganz unberechtigt, glaubt man den nackten Zahlen: Laut einer im April vorgestellten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup bezeichnen sich fast zwei Drittel der Weltbevölkerung als gläubig – und sind somit empfänglich für die Botschaften wichtiger Repräsentanten ihres Glaubens. "Es geht uns natürlich darum, den Regierungen im Vorfeld der Weltklimakonferenz Druck zu machen, aber wir wollen auch die einzelnen Gläubigen und die Kirchengemeinden auf der Welt erreichen", meint Kopp. Ihr Ziel: Jeder soll im Alltag erkennen, dass Klimaschutz wichtig ist.

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Vertreter religiöser Organisationen überreichen die gemeinsame Erklärung an UN-Klimachefin Christiana Figueres (Mitte). (Foto: Sean Hawkey)

Mit Papst Franziskus gibt es einen prominenten religiösen Anführer, der sich seit Monaten für mehr Klimaschutz ausspricht – und sogar eine eigene Umweltenzyklika herausgegeben hat. Mit dem neuen Positionspapier haben die katholische Kirche und der Papst allerdings nichts zu tun. "Mit unserem Bündnis sind wir erst am Anfang", erklärt das Füllkrug-Weitzel. "Viele der sehr konservativen Kirchen sind noch nicht an Bord."

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