News, 03. November 2015

Fossiles System vor dem Kippen?

Der renommierte Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber glaubt, dass die eingereichten Klimaziele von über 150 Staaten einen Epochenwechsel einleiten werden: Das Ende des fossilen Systems. Sein Kollege Ottmar Edenhofer sieht das anders: Der Wandel komme zu spät, um die Welt auf einem Zwei-Grad-Pfad zu halten. Es brauche einen weltweiten CO2-Preis.

Aus Berlin Benjamin von Brackel

In eine Kristallkugel blicken lässt sich leider nicht, um herauszufinden, ob die Menschheit sich im Dezember in Paris ein funktionierendes Klimaabkommen gibt oder lieber ihren Planeten weiter aufheizt. Der Kugel am nächsten kommen vielleicht Klimawissenschaftler, die beurteilen können, ob die Länder der Erde mit ihren Klimaschutz-Selbstverpflichtungen auf einem guten Weg sind.

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Schaut optimistisch auf die Pariser Klimakonferenz im Dezember: Hans Joachim Schellnhuber. (Foto:
EPP/Wikimedia Commons)

Zwei der renommiertesten Klimawissenschaftler haben das am Dienstag getan – und sich dabei einen regelrechten Zweikampf geliefert. Ein Physiker und Papstberater auf der einen, ein Ökonom und ehemaliger Leitautor des Weltklimaberichts auf der anderen. Optimist gegen Pessimist.

Hans Joachim Schellnhuber glaubt, dass die im UN-Klimasekretariat eingereichten Klimaziele, die sogenannten INDCs, das Zeug für eine Wende im Klimaschutz haben. "Wenn die jetzigen Selbstverpflichtungen tatsächlich umgesetzt werden, dürfte das das System schon zum Kippen bringen", sagt der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Mit "System" meint er die auf fossilen Energien aufbauende Weltwirtschaft. Würden aber alle Staaten der Welt strenge Klimaregeln festlegen und würden die Ökoenergien weiter wachsen, werde das vor allem die Kohlekraft an den Rand drängen. Denn zwei Energiesysteme – erneuerbar und fossil – könnten nicht nebeneinander bestehen bleiben.

Als Beleg zieht Schellnhuber die teils gewaltigen Ausbauziele für die Ökoenergien heran, etwa die von China oder Indien. "Wenn Indien auch nur annähernd an die angekündigten 350 Gigawatt herankommt, dann wäre das Kohleparadigma tot", sagt er.

"Für mich ist 2015 schon der Kipp-Punkt"

Insofern wäre der Klimagipfel in Paris schon ein Durchbruch, wenn die Selbstverpflichtungen der Länder Einzug in einen Vertrag finden würden. "Der minimale Erfolg wäre die Absicherung der INDCs", sagt Schellnhuber. Laut den Klimaanalytikern der Wissenschaftsinitiative Climate Action Tracker und auch nach den Zahlen des UN-Klimasekretariats würde sich die Erde um 2,7 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts aufwärmen, falls tatsächlich alle bisher angekündigten Klimaziele erreicht werden. Das ist gar nicht mehr so weit entfernt von den angestrebten zwei Grad. Regelmäßige Nachbesserungen bei den Zielen und technologische Innovationen könnten den Rest beitragen. "Für mich ist das Jahr 2015 schon der Kipp-Punkt", sagt Schellnhuber.

Er sei optimistisch, dass die Staaten der Erde in Paris ein Klimaabkommen beschließen werden. Anders als vor dem Kopenhagen-Gipfel 2009 gebe es nun einen viel stärkeren Druck aus der Gesellschaft. Dazu zählt Schellnhuber die Umweltenzyklika des Papstes, den er dafür beraten hat, auch den Klima-Marsch von 300.000 Menschen im September 2014 in New York sowie die Divestment-Bewegung. "Das bringt etwas", sagt Schellnhuber.

Denn all der Protest gehe ins allgemeine Bewusstsein über und delegitimiere die fossilen Energien. Bestes Beispiel ist für Schellnhuber die Atomkatastrophe von Fukushima, die dem deutschen Atomausstieg den Weg geebnet hat: "Das hat die moralische Wahrnehmung einer Technologie verändert."

"Nebulöse Klingelbeutel-Beiträge"

Ganz anders sieht das Ottmar Edenhofer, der PIK-Chefökonom. Er versteht die Euphorie um die eingereichten Klimaziele ganz und gar nicht. "Da wurden nebulöse Klingelbeutel-Beiträge auf den Tisch gelegt", sagt er. Die Ziele, so wie sie von vielen Länder formuliert wurden, würden einen großen Spielraum lassen. Manche Länder würden gar nicht konkret werden, während die meisten ganz unübliche Basis- oder Zieljahre für die CO2-Minderung angeben. Auf die Frage, ob Wissenschaftler all das nicht in vergleichbare Angaben umrechnen könnten, reagiert Edenhofer unwirsch: "Das lässt mich innerlich bersten, wenn ich so was höre. Relative Ziele schaffen kein Vertrauen."

Überdies sei gar nicht gesagt, dass die Ziele am Ende auch erfüllt werden – schließlich sind es ja nur "intended nationally determined contributions", also bloße Absichtserklärungen, die keine rechtliche Verbindlichkeit haben. "Die zentrale Frage ist: Wie werden aus den INDCs NDCs", sagt Edenhofer.

Von der Strahlkraft der INDCs ist er also deutlich weniger überzeugt als Schellnhuber. Edenhofer sieht auch die Kohleindustrie keineswegs im Rückzug und spricht sogar von einer "Renaissance der Kohle". Auf der ganzen Welt würden derzeit Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von einer Million Megawatt gebaut – etwa die Türkei plant Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von 65.000 Megawatt. Und nicht nur in Indien, Indonesien oder Afrika entstehen neue Dreckschleudern – auch in Europa: in Polen, den Balkanländern und in der Ukraine. Kohle sei einfach zu billig, so Edenhofer, wenn auch nur deshalb, weil die Schäden für die Gesundheit überhaupt nicht miteinberechnet seien.

So oder so braucht es den Druck der Bürger

Das Problem: Mit der jetzigen Investitionsentscheidung werden Fakten für die nächsten 40 Jahre geschaffen – so lange laufen die Kraftwerke. Rund 90 Prozent der Kohle müssen im Boden bleiben, um das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen, sagen Wissenschaftler. Angesichts dessen wird es eng, wenn jetzt noch Hunderte Kraftwerke in Betrieb gehen.

Daran könne auch die Divestment-Bewegung nichts ändern, die für Edenhofer nur "ein netter Gag" ist. Denn wenn Investoren ihre Gelder aus dem fossilen Geschäft abziehen, führe das keineswegs zu einem Preisverfall der fossilen Werte. Dazu sei die Kohle derzeit noch zu lukrativ. Irgendwo fänden sich immer noch andere Investoren. Nötig sei deshalb eine weltweit einheitliche CO2-Bepreisung in Kombination mit einem Ende der Subventionen für die fossile Industrie. Die Kohle müsse "als Zentrum des Problems" wahrgenommen werden, sagt der PIK-Ökonom.

Zwar glaubt auch Edenhofer, dass langfristig zwei Energiesysteme nicht parallel bestehen können und es früher oder später zu einem Epochenwechsel weg von den fossilen hin zu den erneuerbaren Energien kommen wird. Das Problem: Ein Wandel im Jahr 2030, 2040 oder 2050 wäre zu spät – die zwei Grad könnten nicht mehr gehalten werden.

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In Paris könnte sich entscheiden, ob die Weltgemeinschaft einen wirtschaftlichen Niedergang durch einen starken Klimawandel noch abwenden kann. (Foto:
Hjalmar Gerbig/Wikimedia Commons)

Auf eines können sich der auf die Moral bauende Physiker und der in Kosten-Nutzen-Analysen denkende Ökonom am Ende aber doch einigen: Ja, ein CO2-Preis und ein funktionierender Emissionshandel sind nötig. Aber damit sich die Politik dorthin bewegt, braucht es den Druck der Straße.

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