News, 16. September 2014

15 Klimaschutz-Jahre entscheiden

Ambitionierter Klimaschutz kann ein Motor für Wachstum und Wohlstand sein. Diese These vertritt ein Bericht, der von der hochrangigen "Weltkommission für Wirtschaft und Klima" erarbeitet und heute in New York von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, Mexikos Ex-Präsident Felipe Calderón und dem britischen Ökonomen Nicholas Stern vorgestellt wird. Die Kommission will damit die Debatte auf dem Klima-Sondergipfel befördern, zu dem Ban für nächste Woche an den UN-Sitz eingeladen hat.

Von Jörg Staude und Joachim Wille

Die nächsten 15 Jahre, stellt der Bericht "The New Climate Economy" klar, werden entscheidend sein, um auf der Welt noch einen klimaverträglichen Wachstumspfad einzuschlagen. In diesem Zeitraum werden weltweit rund 90 Billionen US-Dollar in städtische Infrastruktur, Energiesysteme und Verkehr investiert. Dies sei, heißt es in dem Bericht, eine beispiellose Gelegenheit, um die Investitionen in ein klimaverträgliches Wachstum zu lenken, das mehr Arbeitsplätze, bessere Gesundheit, Produktivität und Lebensqualität bringt.

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Investitionen in städtische Infrastruktur gehören zu den künftigen Schwerpunkten eines klimafreundlichen Wachstums. (Foto:
Sascha Böhnke/pixelio.de)

Die "richtigen" Investitionen und Innovationen können dabei – so der Report – angeregt werden, wenn die Regierungen durch den Emissionshandel einen verlässlichen, allmählich ansteigenden CO2-Preis sowie durch ein internationales Klimaschutzabkommen gleiche Wettbewerbsbedingungen zwischen den Ländern schaffen würden. Der Bericht warnt, weiter in Kohleverstromung zu investieren. Auf neue Kohlekraftwerke sollten Industrieländer völlig verzichten.

Der Bericht widerlege, dass man zwischen der Bekämpfung des Klimawandels und einer wachsenden Wirtschaft wählen müsse, betonte der Ko-Vorsitzende der Kommission Felipe Calderón. Werde der CO2-intensive Weg fortgesetzt, ergänzte Nicholas Stern, werde der Klimawandel zu schwerwiegenden Risiken für den langfristigen Wohlstand führen. Eine von Stern bereits 2006 veröffentlichter Report hatte gezeigt, dass die jährlichen Kosten des Klimawandels, wenn nicht gegengesteuert wird, auf bis zu 20 Prozent oder mehr des erwarteten globalen Bruttoinlandsprodukts ansteigen könnten.

CO2-Emissionen müssen endlich einen Preis bekommen

Auch für Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Mitglied der "Weltkomission", bestätigt der Bericht eindeutig, dass Wirtschaftswachstum und Emissionsreduktion miteinander vereinbar sind. "Entscheidend ist, dass CO2 einen Preis bekommt." Dann hätten Investoren verlässliche Bedingungen, um Innovationen in klimafreundliche Technologien voranzutreiben.

Vor allem in drei Schlüsselsektoren der Weltwirtschaft sieht der jetzt veröffentlichte Bericht große Chancen auf starkes Wachstum mit geringeren Treibhausgas-Emissionen. Das sind die Bereiche Städte, Energie und Landnutzung.

Städte: Durch kompaktere Städte mit sehr gut ausgebauten öffentlichen Verkehrsmitteln könnten in den nächsten 15 Jahren über 3.000 Milliarden US-Dollar Investitionskosten eingespart werden. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit sowie die Lebensqualität, etwa durch geringere Luftverschmutzung, würden verbessert und CO2-Emissionen eingespart werden.

Energie: Da der Preis von Solar- und Windenergie stark fällt, kann bis 2030 mehr als die Hälfte der neu installierten Stromversorgung aus Öko-Energien stammen, was die Abhängigkeit von der besonders klimaschädlichen Kohle verringert. Gefordert wird dazu der Abbau der Subventionen für fossile Brennstoffe von derzeit weltweit 600 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Dies könne auch Geld für Armutsbekämpfung freimachen.

Landnutzung: Die Wiederherstellung von nur zwölf Prozent der weltweit – etwa durch Erosion und Auslaugung – degradierten Böden könnte weitere 200 Millionen Menschen ernähren und die Einkommen von Landwirten um 40 Milliarden US-Dollar pro Jahr erhöhen. Auch die CO2-Emissionen durch Entwaldung würde das verringern, weil weniger Brandrodung für Ackerfläche stattfinden würde.

In Europa werden, so der Report, bis 2030 rund 16 Billionen US-Dollar und somit etwa ein Fünftel der weltweit 90 Billionen US-Dollar in neue Infrastruktur investiert. Für das deutsche Weltkommissions-Mitglied Caio Koch-Weser, Deutsche-Bank-Manager und Aufsichtsratschef der European Climate Foundation, entpuppt sich der angebliche Zielkonflikt zwischen Wirtschaftswachstum, Versorgungssicherheit und Klimaschutz damit "als Mythos". Alle drei Ziele könnten erreicht werden, wenn es gelänge, "verlässliche politische Rahmenbedingungen zu schaffen, nachhaltige Investitionen zu tätigen und Anreize für Innovationen zu setzen", sagte Koch-Weser. "Europa kann seine weltweite Vorreiterrolle bei der Entwicklung sauberer Technologien ausbauen und gleichzeitig die Abhängigkeit von Energieimporten reduzieren."

Ambitionierte Klimaschutzabkommen auf allen Ebenen nötig

Dass Klimaschutz auch ökonomisch vernünftig ist, heben Umwelt- und Entwicklungsorganisationen hervor. Ohnehin sei zu erwarten, dass die "Kosten für klimabedingte Schäden und Verluste nicht mehr kalkulierbar sind, wenn wir nicht schnell umsteuern", sagte Sabine Minninger, Klimaexpertin bei Brot für die Welt. Damit die 90 Billionen Dollar "richtig" investiert werden, sind für Christoph Bals von Germanwatch auf globaler Ebene ein ambitioniertes Klimaschutzabkommen notwendig, auf EU-Ebene ehrgeizige Klimaziele für 2030 und in Deutschland neue Maßnahmen, damit die Energiewendeziele auch erreicht werden.

Der Kommission, die den aktuellen Bericht vorlegte, gehören 24 internationale Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft an, darunter OECD-Generalsekretär Angel Gurría, Unilever-Chef Paul Polman, die ehemalige neuseeländische Premierministerin Helen Clark, Bloomberg-Chef Daniel L. Doctoroff und Chad Holliday, Vorsitzender der Bank of America. Ihr neuer Bericht folgt dem Konzept des "Grünen Wachstums", wie es unter anderem auch vom UN-Umweltprogramm UNEP als Lösung des Klima- und Ressourcen-Problems angesehen wird.

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Das große Versprechen: Klimaschutz muss die Wirtschaft nicht ausbremsen. (Foto: Aeon Solar

Für den Ban-Ki-Moon-Gipfel am 23. September in New York haben bereits mehr als 125 Staats- und Regierungschefs ihre Teilnahme zugesagt, darunter US-Präsident Barack Obama, Frankreichs Präsident François Hollande und der britische Regierungschef David Cameron. Bundeskanzlerin Angela Merkel allerdings wird nicht da sein, sie lässt sich durch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks vertreten. Das Treffen soll einen Konsens darüber befördern, wie das neue globale Klimaabkommen aussehen könnte, das 2015 in Paris beschlossen werden und 2020 als Nachfolger des Kyoto-Protokolls in Kraft treten soll.